Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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- 35 - Die Mnemotechnik wie sie noch heute in Büchern gelehrt wird, beruht zum großen Teile auf dem Gesetze, daß auch äußere Beziehungen eine Vorstellung erneuern. Sie enthält jedoch neben manchem Brauchbaren vieles, wogegen sich der gesunde Menschenverstand empört und fordert zugleich unnötigen Aufwand an Kraft, so daß das absprechende Urteil, welches von jeher mit wenigen Ausnahmen die bedeutendsten Denker über die Mnemotechnik geäußert haben, durchaus gerechtfertigt erscheint. Wir beschränken uns hier auf wenige Beispiele: Um sich die Planetennamen zu merken, soll man sich folgenden Satz einprägen: Im Mergel (Merkur) wuchs eine Nuß (Venus), die fiel auf die Erde, da fraß sie ein Marder (Mars) u. s. w. Die sieben Wunder der Welt merken wir an folgendem Satz: Gib mir zur Bildsäule im Tempel rotleuchtende Mauersteine. Gib — Egypten (Pyramiden), mir — Semiramis (hängende Gärten), Bildsäule (Zeusbild zu Elis), Tempel (Dianatempel zu Ephesus), rot (Koloß von Rhodos), leuchtende — der Leuchtturm auf der Insel Pharos, Mauersteine — das Mausoleum, welches Artemisia ihrem Gemahle Mausolus errichtet hat. Um Jahreszahlen zu behalten, gibt die Mnemotechnik folgendes Hülfsmittel: 0 — 1 oder 2, 1 — t oder ä, 2 — u oder v, 3 — m, oder ^v, 4 — ci oder r, 5 — sek, s, x, 6 — d oder p, 7 — k, x>f, pk, 8 — k oder 9 — A, k, ek, k. Daß Augustus im Jahre 14 starb, behält der Mnemotechniker an dem Satze: Augustus nannte sein Leben ein Drama, denn das ä in Drama ist — 1, das nachfolgende r — 4.^) Die Herstellung von Beziehungen bildet den Übergang zu den Hülfsmitteln des logischen Gedächtnisses. Ein Kind wird sehr leicht die Schreibweise von isuötrs, tsts behalten, wenn es erfährt, daß der Accent da steht, wo im Lateinischen ein s vor dem t vorausgeht. Es wird auch sehr leicht sich merken, daß die Brücke xont heißt, weil ja auch xoris männlich ist. Jedoch muß man immer im Auge halten, daß die Ähnlichkeit auch irreführt, ja oft verwirrend wirkt. Durch die logische Bearbeitung stellen wir eine Einteilung nach Grundsätzen her, die auf den Gesetzen ' des Denkens beruhen; mithin empfängt das Gedächtnis eine besondere Unterstützung durch die methodische Darstellung. Zu den wichtigsten Mitteln, das Gedächtnis zu stärken, gehört die Besinnung, d. i. die Vergegenwärtigung des Erlebten. Wenn wir uns gewöhnen, das, was wir gesehen und erlebt haben, zu überschauen, es uns noch einmal vorzuführen, so wird durch diese Thätigkeit das Gedächtniß gestärkt, während bei Personen, die nach Art ihres Lebensberufs nicht genötigt sind, sich häufig auf Vergangenes besinnen zu müssen, auch das Gedächtnis überhaupt notleidet. Von den Pythagoräern heißt es: Es war den Schülern des Pythagoras nicht genug, sich überhaupt oder im ganzen der Begebenheiten zu erinnern, sondern sie bemühten sich nach dem Rathe ihres Meisters, die Spuren derselben in eben der Ordnung zu erneuern, in welcher die Begebenheiten selbst einander gefolgt waren. Sie besannen sich also zum Beispiel, was sie ihren Dienern zuerst, was zweitens, drittens u. s. w. befohlen hatten, wem sie zuerst und wem sie zweitens begegneten, welche Gespräche zuerst, welche nach diesen und welche zuletzt geführt worden waren. Wenn sie Zeit hatten, gingen sie mit ihren Gedanken, nicht nur über die Ereignisse eines Tages, sondern mehrere Tage zurück." Für die Pflege des kindlichen Gedächtnisses ist diese Bemerkung von besonderem Werte. Sie zeigt, wie man das Kind gewöhnen kann, genauer zu beobachten, als es in der kindlichen Art liegt. Wir i) Kant bemerkt sehr treffend von der Mnemotechnik, sie sei „ein Widerspruch zwischen Mittel und Absicht, da man dem Gedächtnis die Arbeit zu erleichtern sucht, in der That aber sie durch die ihm unnötig aufgebürdete, sehr disparate Vorstellung erschwert. (Kant, Schriften zur Anthropologie und Pädagogik. Gesammtausgabe Bd. X. Leipzig, 1839, p. 192).