Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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— 34 - überwachen und zu regeln, unwillkommene durch neue Eindrücke in Vergessenheit zu bringen und endlich das Kind von der mechanischen Erfassungsweise zur freien Entfaltung seiner eigenen Geisteskraft zu führen und diese immer mehr erstarken zu lassen. Anhang. Usn der Pflege und den Mlssuntteln des Gedächtnisses. Die Hülfsmittel des Gedächtnisses müssen in der Beschaffenheit des Vorgangs, den wir Gedächtnis nennen, enthalten sein. Insofern das Gedächtnis von organischen Vorgängen bedingt ist, muß die Pflege des Gedächtnisses von physiologischen Erwägungen ausgehen, insofern das Gedächtnis ein Bewußtseinsvorgang ist, müssen die Hilfsmittel desselben von Bedingungen abhängig sein, die wir im Bewußtsein zu suchen haben. Jedoch ist bei der innigen Wechselwirkuug, in welcher Organismus und Bewußtsein stehen, eine Teilung nach diesen Gesichtspunkten nicht immer durchführbar. Zu den physiologischen Vorbedingungen rechne ich die Rücksichtnahme auf körperliche Zustünde, auf Wachstum, auf Ermüdung. Eine richtige Anstrengung der Gedächtnisthätigkeit stärkt auch den körperlichen Organismus, eine übertriebene schwächt denselben. Das Gedächtnis wird gestärkt durch eine richtige Inanspruchnahme desselben genau so, wie jede körperliche und geistige Thätigkeit erleichtert und erhöht wird, wenn sie in gehöriger Weise zur Entfaltung gelangt. Dieses betrachten wir als das erste Hülfsmittel des mechanischen Gedächtnisses. Man suche daher vor allem die Gedächtniskunst in der Anstrengung und Übung dieser Arbeitsleistung des psychischen Organismus. Im Altertum legte man auf diese Art der Stärkung des Gedächtnisses ein besonderes Gewicht. Wir heben an dieser Stelle die schönen Worte Quintilions hervor: „Wenn jemand dennoch eine Gedächtniskunst von mir will, so ist es die Übung und die Anstrengung: Vieles auswendig lernen. Denken, womöglich täglich" (äs a.rts ora-torig. XI, 2). Die Einteilung und die Zerlegung eines größeren Stoffes in kleinere Teile ist das zweite Hülfsmittel des mechanischen Gedächtnisses. Als drittes Hülfsmittel des mechanischen Gedächtnisses betrachte ich die Veranschaulichung und Vergegenwäctigung (das Niederschreiben schwer zu behaltender Wörter, Abbildungen, die Anschauung der Gegenstände selbst, die wir uns einzuprägen haben). Als viertes Hülfsmittel des mechanischen Gedächtnisses betrachte ich die Memorialverse. Gedichte sind leichter zu lernen als Prosa, weil der Rhythmus, der Reim, das Versmaß einen festeren Halt verleihen, als die Prosa es vermag. So berichtet Aristoteles, daß die Völker vor Erfindung der Schreibkunst die Gesetze gesungen hätten. Als fünftes Hülfsmittel des mechanischen Gedächtnisses ist die Verknüpfung mehrerer Eindrücke Begriffe zu erwähnen. Vereinzelte Wörter gehen rascher verloren als solche, die wir in Verbindung mit anderen erlernt. Es beruht diese Erscheinung auf jener Grundeigenschaft des Gedächtnisses, daß die Erneuerung eines -Eindrucks auch die Erneuerung anderer Eindrücke, die mit dem ersten verbunden waren, veranlaßt. Das sechste Hülfsmittel des mechanischen Gedächtnisses ist die Herstellung einer äußerlichen Beziehung, das Behalten einzelner Silben, einzelner Wörter als Stichwörter.