Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
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— 36 - arbeiten der Zerstreutheit entgegen und gewöhnen es an Aufmerksamkeit, — diese ist aber, wie wir bereits dargethan, die wesentlichste Vorbedingung des Denkens, ohne welche dieses gar nicht zu Stande kommen kann.^) Als Endergebnis unserer Untersuchung stellen wir den Satz auf, daß es eine eigentliche Gedächtniskunst nicht giebt, da vielmehr das Gedächtnis in den Denkgesetzen seine Begründung und seine Unterstützung findet. Die Pflege des Denkens umfaßt auch die Pflege des Gedächtnisses und nur in der Vereinigung einer mechanischen Aneignung als der Aneignung, bei welcher Klarheit, Korrektheit und Treue der Wiedergabe erstrebt wird, mit der logischen Aneignung, welche uns in den Stand setzt, über das Angeeignete zu verfügen und es zu neuen Verbindungen zu ordnen — nur in dieser Verbindung wird die Pflege des Gedächtnisses eine allseitige sein, die auf Virtuosität in einem einzelnen Gegenstande oder nach einer einzelnen Richtung verzichtet. >) Kant bemerkt, daß das Lesen von Romanen das Gedächtnis schwäche, weil es zerstreuend wirkt und erlaubt, an Nebendinge während der Lektüre zu denken. (Kant a. a. O. p. 194.) Die Lektüre, wie sie manche Kinder betreiben, ist sicher oft ein Ruin für ihre Gedä'chtnisthätigkeit. Kant spricht sehr treffend von einer „habituellen Zerstreuung, welche vornehmlich die Romanleser anzuwandeln Pflegt" und wir möchten namentlich in Hinsicht auf die falsche Lektüre von Kindern seine Worte in Betreff des Romanlesens gelten lassen: „Diese Übung in der Kunst, die Zeit zu töten und sich für die Welt unnütz zu machen, Hintennach aber doch über die Kürze des Lebens zu klagen, ist, abgesehen von der phantastischen Gemütsstimmung, welche sie hervorbringt, eine der feindseligsten Angriffe auf das Gedächtnis." (Kant idiä.)