Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9643684-3089724--0986-3090828- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 33 — dann mechanisch lernen lassen, er kann aber auch umgekehrt erst eine mechanische Aneignung der Regel bewirken und diese dann an Beispielen erläutern. Die schwierigere Art ist sicher die letztere, sie setzt einen geübteren Verstand voraus als die Methode, erst einige Fälle vor dem Auge entstehen zu lassen, die Regel zu geben und dann die mechanische Aneignung zu bewirken. Und wenn es auch in der Natur des menschlichen Geistes liegt, die logische Aneignung als etwas Höheres zu betrachten und auf die mechanische Erwerbung als etwas Knechtliches zu verzichten, so wenden wir uns doch gerade in den Fällen, wo wir etwas Wichtiges oder Formvollendetes uns aneignen wollen, und wo wir auf die correkte Wiedergabe größeren Wert legen, an das mechanische Gedächtnis. Personen, denen es schwer fällt, sich in größeren Versammlungen in freier Redeweise zu äußern, memorieren ihre Rede wörtlich, sie reden auch nur mechanisch, wenn sie befangen werden. Ebenso wird jemand einen tiefen Gedanken, den er bei einem Dichter, bei einem Philosophen findet, wohl logisch zu erfassen suchen, er wird ihn aber häufig sich mechanisch aneignen. Die logische Aneignung beruht auf einem Grad des Verständnisses, welcher uns zum Herrn, zum unbeschränkten Besitzer des Erworbenen macht, sie giebt dem Wissen den Charakter der Beweglichkeit, der freien Verwendbarkeit. Bei der mechanischen Aneignung geben wir uns gleichsam einer fremden Macht hin, welche die Vorstellungsreihe in uns hervorruft. Der Redner fühlt sich sogar in der Rede, die er selbst entworfen hat, aber mechanisch auswendig gelernt hat, fremd und stockt, wenn der Faden reißt, er hat sich seines Eigentums gleichsam entäußert. So können wir bei dem mechanischen Gedächtnis allerdings einen Ablauf der Vorstellungen bemerken, welcher einem „Mechanismus" ähnelt, der, wenn er einmal durch eine Feder in Bewegung gesetzt ist, eine Arbeitsleistung vollzieht. Da ein Mechanismus wohl einen erfahrene,! Werkmeister voraussetzt, nicht aber einen eigenen Willen in dem Mechanismus selbst, so hat man oft die mechanische Aneignung als etwas des Menschen Unwürdiges aufgefaßt. Nun ist aber selten ein Mensch so stumpf, daß er nicht durch die mechanische EinPrägung auch eine gewisse Anregung empfängt und daß er nicht allmählich in den Stand gesetzt sein werde, sein Denken von der mechanischen Wiedergabe einigermaßen zu befreien. Denn bei der logischen Aneignung haben wir uns eine Gesammtvorstellung gebildet, von welcher wir bei der Wiedergabe ausgehen, doch weil es nur eine Gesammtvorstellung allgemeiner Art ist, so sind wir der Gefahr ausgesetzt. Wichtiges zu vergessen oder die Form nicht mehr zu finden, welche wir unseren Gedanken gegeben haben. Der Redner wird am sichersten gehen, der die mechanische und die logische Aneignung in geeigneter Weise zu verbinden versteht. Die Erziehung muß in noch stärkerem Maße diese Verbindung des Logischen und des Mechanischen zu bewerkstelligen wissen. Das mechanische Gedächtnis kann in kürzerer Zeit einen Wissensinhalt bewältigen — dem Umfange nach, aber nicht dem Inhalte. Das mechanische Gedächtnis ist wohl Eigentümer des Erworbenen, aber es kann über dasselbe nicht verfügen, erst die logische Bearbeitung bewirkt die nötige Freiheit und Beweglichkeit des Denkens. Beneke spricht von einem historischen Grundgerüste, über welches jeder Mensch verfügen müsset, und die Erziehung muß in der That bestrebt sein, ein solches historisches Grundgerüste herzustellen. Wenn auch ein jeder im Laufe des Lebens vieles von dem vergißt, was er in der Schule gelernt hat, so wird doch immer eine Anzahl von Kenntnissen ihm verbleiben, über welche er als sein geistiges Eigentum verfügt. Alles, was er gelernt, alle Einwirkungen, welche auf ihn gewirkt haben, vereinigen sich zu einer Gesammtwirkung, die seinem geistigen Wesen ein bestimmtes Gepräge giebt. Und je nachdem er Herr ist dessen, was er sich im Laufe des Lebens aneignet, je nachdem er über sein Wissen verfügen und es verwenden kann, waltet in ihm die logische Erfassungsweise des Gegebenen oder die mechanische vor. Der Erziehung fällt aber die Aufgabe zu, die Eindrücke, welche auf das Kind wirken, zu i) Beneke, Erziehungs-Unterrichtslehre, Leipzig 1842. p. 147.