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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1885-01-01 · 1885 · page 30

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Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1885
Date
1885-01-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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— 30 — Daß die Zahl der Merkmale nicht zu groß werden darf, daß sie nur das Unterscheidende, Charakteristische enthalten darf, benötigt fast keines Beweises. Durch eine zu große Reichhaltigkeit der Merkmale entsteht Ähnlichkeit mit anderen Eindrücken und mit der Ähnlichkeit entsteht auch die Verwirrung. Kapitel IV. Das Wortgedkichtnis. Die Sprache ist das kostbare Gut des Menschen, welches ihm ermöglicht, die Vorstelluugen auf einander zu beziehen, sie zu Urteilen und Schlüssen zu verbinden. „Denken", so bemerkt Zeller in seiner Abhandlung über die Sprache, „können wir nur in Worten. Erst mit dieser Bezeichnung erhalten unsere Gedanken diejenige Bestimmtheit und Deutlichkeit, durch die sie in's Bewußtsein erhoben werden. Ehe der richtige Ausdruck gefunden ist, sind sie nur ein Sehnen und Suchen. Dadurch, daß wir mit bestimmten Worten regelmäßige bestimmte Wortvorstellungen verknüpfen, kommt Klarheit und Ordnung in unsere Gedanken." ^) Die Entwicklung der Sprache hängt auf's innigste mit dem Gedächtnis zusammen, doch können wir auf diesen für die philosophische Betrachtungsweise überaus wichtigen Zusammenhang hier nicht eingehen. Wir beschränken uns hier auf folgende Erwägung: Den mühsamen Weg, den die Menschheit zurücklegen mußte, um zur ausgebildeten Sprache zu gelangen, hat das Kind nicht mehr zurückzulegen. Zwar sind auch bei ihm anfänglich Versuche zu bemerken, selbstthätig die Dinge zu bezeichnen, doch die Erziehung, vor allem die Fürsorge der Eltern, nimmt ihm diese Arbeit ab und die Sprache des Kindes wird ein „Produkt der Nachahmung, Übung und Unterweisung." Das Kind vernimmt anfänglich nichts als reflektorisch wirkende Laute, d. h. Laute, die es nachahmt, ohne daß ein Denken Anteil nähme an den Bewegungen, die es ausführt. Einen Ubergang zu der eigenen Denkthätigkeit bildet die Erscheinung, daß eine und dieselbe Wahrnehmung, einerlei an welchem Gegenstande es dieselbe macht, es zu auch derselben Bezeichnung veranlaßt. So berichtet Taine, daß ein Kind für den Eisenbahnzug das Wort ka-ter gemerkt hatte (erismin äu ter); es bezeichnete fortan jede Vorrichtung, die ein Rasseln, Pfeifen,- Sausen ertönen ließ, als »ka-tsr«. Das Kind verallgemeinert die Wörter, es unterscheidet noch nicht wesentliche und unwesentliche Merkmale, es urteilt nur nach einem einzelnen, zufälligen Merkmale und erst allmählich fängt das Kind an, die Dinge nach wesentlichen Merkmalen zu ordnen. Das vortreffliche Gedächtniß des Kindes erfüllt sich sehr rasch mit einer Menge von Wörtern, denen es meistens eine gewisse Neugier hinsichtlich ihres Inhaltes entgegenbringt. Doch mit einem gewissen Alter tritt eine merkliche Abstumpfung in diesem Streben ein, das Kind hört und lernt so vielerlei, daß ein großer Teil der Worte ohne Verständnis aufgenommen wird. Angesichts dieser Erscheinung haben wir bereits im Anfang dieser Abhandlung betont, daß die Leistungsfähigkeit des kindlichen Gedächtnisses nicht zu sehr in Anspruch genommen werden darf, daß nicht die Aneignung umfangreicher Gedichte und Erzählungen, sondern ein Verständniß des Einzelnen erstrebt werden muß. Die Sprache, welche wir dem Kinde zuerst mitteilen in der Absicht, daß es Verständnis mit der Aneignung von Worten verbinde, ist die Muttersprache. Die Pflege der Muttersprache ist eine wesentliche Vorbedingung sowohl des mechanischen als des logischen Gedächtnisses. Denn als eine wesentliche Vorbedingung der absichtlichen Aneignung betrachten wir die Klarheit und Deutlichkeit der Vorstellungen. Die Forderung Zeller's in Betreff ') Zeller, Vorträge und Abhandlungen, Leipzig 1884, p. 108 ff.

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