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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1885-01-01 · 1885 · page 28

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Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1885
Date
1885-01-01
Page
– (sequence 28)
Language
German
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IRI
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— 28 — Die Schrift wurde weniger der gegenseitigen Mitteilung wegen als im Dienst der treueren Bewahrung der Vorgänge, der Einrichtungen und Gesetze erfunden — sie läßt sich nicht vom Gedächtnis trennen. Ja sie erhielt ihre Gestalt zum Teil nach den Gesetzen, welche dem Gedächtnis zu Grunde liegen. „Sehen" wird durch zwei Augen dargestellt, „kämpfen" durch zwei Arme, der eine ist mit einem Schild, der andere mit einer Streitaxt bewaffnet, „Gerechtigkeit" durch eine Straußfeder, weil alle Flügel des Straußes gleich sind, „Jahr" durch einen Palmbaum weil der Palmbaum alle Jahre 12 Zweige treibt, „Sohn" durch eine Gans, weil sich die Gans angehlich durch Elternliebe auszeichnet, „König" durch eine Biene, weil diese in einem monarchischen Staate lebt. Die Bilder verloren dann ihre Bedeutung als Bild und wurden bloße Zeichen für den ersten Buchstaben, womit der vom Bild bezeichnete Gegenstand anfängt, so mußte das Bild des Adlers zum Zeichen für a. (altegvptisch g-noru), das Bein für d (ddu stehen).^) Plato meint, daß mit der Erfindung der Schrift das Gedächtnis schwächer geworden sei.") Man muß jedoch bedenken, daß mit dem Fortschritt der Bildung die Anforderungen an das Gedächtnis erhöht wurden, und daß durch Übung und Anstrengung dasselbe wesentlich verschärft worden ist. Aus einer Zeit, wo die Schrift schon längst im Gebrauche war, werden uns ganz bedeutende mnemonische Leistungen mitgeteilt — wir selbst stellen Anforderungen an das Kind, welches ohne eine große Arbeitsleistung des Gedächtnisses nicht erfüllt werden können. Eine richtige Verwendung des Schreibens wird immer das Gedächtnis stärken. Wenn ich ein Wort, oder einen Satz bei Erlernen einer fremden Sprache niederschreibe, nachdem er gesprochen worden ist, so tritt, wie bereits angedeutet, eine anschaulichere Vergegenwärtigung ein, als wenn er nur dem Gehör überlassen ist. Ebenso wird das Gedächtnis gestärkt durch das Niederschreiben der wichtigsten Momente aus einer Rede, die wir gehört haben oder selbst halten wollen. Wenn das Schreiben mit Besinnung und Veranschaulichung verbunden ist, so ist es dem Gedächtnis vorteilbringend, ist es aber mechanisches Nachschreiben oder erfolgt es nur im Interesse eines mechanischen Ablesens, so ist es von höchstem Nachteil. Nicht für einen Ruin des Gedächtnisses darf man also das Schreiben halten, sondern als eine notwendige Unterstützung desselben. Kant sagt: „Mit der Schreibtafel in der Tasche sicher zu sein, alles was man in den Kopf niedergelegt hat, ganz genau nnd ohne Mühe wiederzufinden, ist doch eine große Bequemlichkeit und die Schreibkunst bleibt immer eine herrliche Kunst, weil, wenn sie auch nicht zur Mitteilung seines Wissens an andere gebraucht würde, sie doch die Stelle des ausgedehntesten und treuesten Gedächtnisses vertritt, dessen Mangel sie ersetzen kann."^) — Kein Gedächtnis ist so treu und ausgedehnt, daß es nicht der Unterstützung bedürfte, einer Unterstützung, in welcher zugleich eine Kräftigung liegt angesichts des großen Materials, welches ihm besonders der Unterricht zu bewältigen aufgiebt. Kapitel HI. Die Orientierung. Wenn wir in einem Zimmer, in einem Hause ständig gewohnt oder uns doch häufig daselbst aufgehalten haben, so können wir uns auch im Dunkeln daselbst zurecht finden und mit größter Sicherheit uns in dem Räume bewegen, sowie wir nur einen einzigen Anhaltspunkt dafür haben, wo wir 1) Man sehe darüber: Justi, Geschichte der orientalischen Völker im Altertum. Berlin 1884. 2) Plato, Phadrus 375. Eine ähnliche Ansicht von dem Werte der Schrift für das Gedächtnis finden wir bei Baeo von Verulam. Huber hat in seiner Schrift über das Gedächtnis ebenfalls sein Bedenken gegen die Ansicht von der „Abnahme des Gedächtnisses" geäußert. ») Kant, Anthropologie in der Gesammtausgabe von Hartenstein, Leipzig 1839, Bd. 10 p. 193.

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