Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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— 25 - Andrerseits gewahren wir bei Kindern eine überaus langsame Anschauungsthä'tigkeit. Das Kind bleibt zurück, weil es langsam anschaut und schwer saßt — häufig werden aber solche Kinder zu brauchbaren Menschen. Denn das schwere Fassen beruht häufig nicht aus einer Mangelhaftigkeit des Verstandes, sondern ist nur eine allgemeine Disposition des Kindes", in Folge deren die Eindrücke der Sinneswelt nicht mit der Schnelligkeit aufgenommen werden, die wir erwarten. Sie werden nur langsam der Anschauung und dem Gedächtnis übermittelt, aber desto sicherer. Das richtige Sehen beruht mithin auf einer Anpassung der Sinnesorgane an den wahrzunehmenden Gegenstand, auf der Erfassung desselben durch die Aufmerksamkeit, auf einer Wahrnehmung der einzelnen Teile und ihrer Zusammenfassung zu einer Einheit. Dieses ist dem Kinde nicht von vornherein gegeben. Es irrt wohl von einem Gegenstand zum andern, es ergötzt sich an der Vielerleiheit und Buntheit, aber das Erfassen von Wahrnehmungen in ihren charakteristischen Merkmalen ist nicht seine Sache. Nicht aus einmal und nicht von selbst geschieht letztere Thätigkeit. Das Kind sieht meistens nur einen einzelnen Teil allerdings mit großer Genauigkeit, verweilt bei diesem und springt dann zu einem anderen Gegenstande, um auch hier nur einen Teil wahrzunehmen, erst allmählich gelangt es zur vollständigen Erfassung und zur vollständigen Wiedergabe. Soll es sagen, welche Eigenschaften es an einem Tiere wahrnimmt, so gibt es auffallend wenige Merkmale an. Das Kind muß deshalb zum Besinnen angehalten werden, d. h. es muß genötigt werden, sich zu erinnern, was es gesehen und gehört. Wenn man ein Kind fragt, was es auf einem Spaziergange gesehen, so erhält man meistens eine dürftige Antwort, weil die wenigsten Kinder gewohnt sind, sich das, was sie sehen, zu vergegenwärtigen. Sehr viele Kinder sehen ungenau und flüchtig, und ihre Erinnerung entspricht der Oberflächlichkeit ihrer Wahrnehmungen. Kapitel H. Das räumliche.Gedächtnis. Unser Gedächtnis für Erinnerungsbilder wurzelt somit in der Anschauung, und wenn wir eine Vorstellung in uns erzeugen, so stellen wir gleichsam die Anschauung durch eine innere Thätigkeit wieder her. Eine jede Anschauung ist aber ein Raumbild, und wir können daher in einem allgemeineren Sinne von einem räumlichen Gedächtnis sprechen als dieses gewöhnlich geschieht. Gewöhnlich versteht man unter Raumgedächtnis eine Fähigkeit, Gelerntes sich räumlich vorzustellen. Es gibt Redner, welche bei ihrer Rede im Geiste die Seite ihres Manuscripts und die einzelnen Zeilen und Worte räumlich sehen, Kinder sehen die Seite und den Abschnitt der Seite vor sich, auf welcher das Gelernte steht; sie schreiben die Zahlen der Rechnung, welche sie im Kopfe rechnen sollen, gleichsam im Kopfe untereinander, und führen in derselben Weise die Rechnung aus, während der Erwachsene häufiger die Stellen nach ihrem Werte von Einern, Zehnern, Hunderten u. s. w. zergliedert und die Rechnung succesive ausführt, ohne daß er eine innere Anschauung der Ziffern hat. Im Allgemeinen treten bei dem Erwachsenen die räumlichen Erinnerungsbilder zu Gunsten des begrifflichen Denkens zurück; es gibt Personen, die jede Fähigkeit für räumliche Erinnerung verloren haben, doch verfügen manche Personen auch im vorgeschrittenen Alter über eine große Klarheit räumlicher Vergegenwärtigung. Die Berufsart scheint hierbei von besonderem Einfluß zu sein. Der Rechenkünstler sieht die ganze Gruppe in seiner Einbildungskrast deutlich vor sich, wie einige unter ihnen selbst berichten. Schachspieler spielen eine Partie Schach aus dem Kopfe oder besser gesagt, im Kopfe. Sie sehen das Schachbrett mit allen seinen Feldern und Figuren gleichsam in einem inneren Spiegel; es genügt ihnen, einen Blick auf das Schachfeld zu werfen, und dasselbe steht in allen Details dann fortwährend 4