Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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- 24 - das Gefühl, daß unser Auge sie erst in ihren einzelnen Teilen erfassen muß, um ein richtiges Bild zu erhalten. Jeder einzeln angeschaute Teil wird dem Gedächtnis überliefert, das Auge kehrt, nachdem es alle Teile durchmustert, wieder zurück und durchläuft die Teile von neuem, und indem die dem Auge entschwindenden Teile uunmehr angeeignet sind, setzt sich aus der Wiedererneuerung derselben das Gesammtbild zusammen. Das Gesetz, daß nach der Verknüpfung von Vorstellungen eine Vorstellung die andere hervorruft, muß auch für die einzelnen Teile einer Vorstellung gelten und so erneuert sich durch die neue Reizung Seitens eines Teiles der Wahrnehmung die übrige Reihe. Einen Beweis für diese Lehre erblicken wir in der Illusion, welche die Bühne in uns hervorruft. Wenige Pinselstriche genügen und das Bild einer Landschaft steht vor uns — die einzelnen wahrgenommenen Teile riefen das Gesammtbild hervor. Zu diesem Gesetz gesellt sich auch hier das Gesetz der Uebung und Wiederholung/), welches uns lehrt, daß eine zuerst nur langsam ausgeführte Reihe von Bewegungen endlich nur bei geringem Reiz und mit solcher Schnelligkeit eintritt, daß sie uns blitzartig und automatisch scheinen. Ferner müssen wir das ebenfalls von uns erwähnte Gefetz in Betracht hinzuziehen, daß eine oft wiederholte und angewendete Vorstellung und Wahrnehmung ärmer an Aufmerksamkeit erregenden Beziehungen wird, dafür aber an Übersichtlichkeit, Beweglichkeit und Vermehrungsfähigkeit gewinnt. Wenn wir über einen freien Platz in einer Großstadt gehen, auf welchen viele Straßen münden, der eine Menge reich ausgestatteter Läden besitzt, auf welchem ferner der lebhafteste Verkehr von Fußgängern und Wagen herrscht — so erhalten wir anfänglich nur einen unbestimmten und ganz allgemeinen Eindruck von dem bunten Bilde auf demselben. Aber je öfter wir über diesen Platz gehen, desto deutlicher wird das Bild, das wir nun mit immer größerer Schnelligkeit beim Anblick dieses Platzes erhalten, die Läden, die glänzenden Schilder und Aufschriften an den Häusern wie die Personen — wir übersehen sie mit einem Schlage, und selbst kleinere Veränderungen bemerken wir fast augenblicklich. Unser Sehen hat in der That genau dieselbe Arbeit vollzogen wie die Muskeln beim Klavierspiel, nur ist die Aufeinanderfolge der einzelnen Vorgänge noch schneller als die bei der Thätigkeit der Muskeln beim Klavierspiel. Beobachtet man bei schwächeren Kindern, bei denen auch das Gedächtnis ein mangelhaftes ist, die Sehthätigkeit, so findet man häufig, daß man erst diese erziehen muß, um die Denkthätigkeit anzuregen. In dem Sehen mancher Kinder herrscht die Reflexthätigkeit vor, d. h. innere Reize bewirken eine Unruhe des Auges, die häufig mit der für die Entwicklung des Verstandes so schätzenswerten Neugier verwechselt wird. Die Außenwelt geht gerade an diesen meist auch in ihrer sonstigen Haltung beweglichen Kindern ohne die Einwirkung vorüber, welche für eine fortschreitende Entwicklung des Kindes geboten ist. Ein jeder Eindruck muß eine gewisse Stärke haben und um diese zu erreichen, muß er eine gewisse Zeit im Blickfelde, speziell im Blickpunkte, verweilen. Oft ist aber die innere Organisation des Kindes eine solche, daß das Auge sich in zu großer Unruhe befindet, als daß ein Eindruck mit der hinlänglichen Stärke zur Geltung kommt. Ein lebhaftes Auge sehen wir immer lieber als ein blödes, und gewiß hat diese Vorliebe auch ihre Berechtigung. Nichts täuscht aber mehr als ein Rückschluß auf den Verstand, denn die Lebhaftigkeit des Auges ist häufig nur das Zeichen einer Reflexthätigkeit, mit welcher das Bewußtsein nichts gemein hat. Dem Lernen ist diese Lebhaftigkeit oft geradezu verderblich, denn es findet trotz derselben, oder richtiger infolge der inneren Unruhe, keine geregelte Denkthätigkeit statt. Man sagt gewöhnlich: das Kind denkt an Nebendinge, es ist zerstreut — in Wahrheit denkt es gar nicht, sondern es tauchen in ihm nur Bruchstücke von Vorstellungen flüchtig und unklar auf. ') Die große Bedeutung desselben für das Sehen hebt besonders Helmholtz hervor (s. physiologische Optik, Leipzig 1867, p. 431), von dessen Theorie über die Gesichtswahrnehmungen wir hier ausgehen.