Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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- 23 - II. Das apperceptwe Gedächtnis Kapitel I. Das Gedächtnis und die GeWswalMehnmngen. Die umgebende Außenwelt tritt an den in der Entwicklung begriffenen Geist weder mit ihrem ganzen Umfang und Inhalt noch mit der Stärke des Eindrucks oder der Klarheit der Anschauung heran, die der Mensch im späteren Leben besitzt. Nur vereinzelt und langsam wirken einzelne Gegenstände auf das Bewußtsein ein, nur allmählich unterscheidet das Kind die einzelnen Bestandteile seiner Sinneswahrnehmungen, in demselben Maße lichtet sich das Dunkel, durch welches die Welt dem Kinde sich verhüllt. Es sind zunächst nur sehr wenige Eigenschaften und Vorgänge die durch das Tastgefühl, durch Druck und Stoß, durch Licht und Farbeempfindunge, Bewegungsempfindungen, Geräusche in dem Kinde Bewußtseinsvorgänge hervorrufen, die mit den Elementargefühlen der Lust und der Unlust combiniert erscheinen. Automatische Bewegungen, Triebbewegungen, reflectorische Reize und primitive Lust- und Schmerzempfindungen sind die ersten Äußerungen des psychischen Lebens. Auch für die allmähliche Entwicklung des Bewußtseins kommt das Gesetz der Uebung als wesentlich in Betracht, denn bei jeder neuen Wahrnehmung vermehrt sich die Stärke des Eindrucks und der Inhalt der Anschauung, so daß eine zuerst nur schwache und dürftige, dann aber immer stärker werdende Vorstellung entsteht. Das Kind lebt zunächst nur in unmittelbarer Wechselwirkung mit der Außenwelt und erst allmählich entstehen in ihm Erinnerungsbilder früherer Wahrnehmungen in der Weise, daß wenn ein Gegenstand von neuem auf es wirkt, auch die Erinnerung an den früheren Anblick in ihm auftaucht, dann erst tauchen Vorstellungen selbständig auf. Um dieses zu erläutern, müssen wir auf die Währnehmungsthätigkeit eingehen und wählen hierzu die Gesichtswahrnehmung. Beim Sehen handelt es sich zunächst um die Accomodation des Auges. Es bedarf der Einstellung eines Gegenstandes in den Blickpunkt, d. h. in den Centralpunkt des Auges, welcher wegen der gelblichen Färbung, die er zeigt, der gelbe Fleck oder auch die Centralgrube heißt- Dieses Sehen ist das direkte Sehen, alle seitlich gelegenen Bilder werden indirekt gesehen. Das Auge entwirft willkürlich mit einer gewissen Anstrengung durch Veränderung seiner optischen Konstanten scharfe Netzhautbilder der Gegenstände; diese Thätigkeit des Auges nennen wir die Accomodation. Fixiren wir einen Gegenstand, der in der Nähe ist, so erscheint scharf ein Bild auf der Netzhaut und zwar auf der Centralgrube des gelben Flecks, die entfernteren Gegenstände erscheinen undeutlich; fixiren wir aber einen entfernteren, so erscheinen die näheren Gegenstände undeutlich auf der Netzhaut. Es kommt ferner für unseren Zweck in Betracht die Augenbewegung. „Das Auge bewegt sich auf seinem in die festen Wände der Augenhöhle eingeschlossenen Polster von organischem Gewebe wie ein kugeliger Gelenkkopf in seiner Pfanne. Die wesentlichen Augendrehungen sind Drehungen um einen fixen Mittelpunkt. i) Der Zustand der Aufmerksamkeit setzt voraus, daß das Auge die Bewegungen vornimmt, welche für das genaue Sehen nötig sind. Wenn wir nun einen Gegenstand sehen, so handelt es sich immer darum, ihn in seinen einzelnen Teilen mit Hülfe der Augendrehungen zu durchlaufen und dann die einzelnen Teile zusammenzufassen. Bei den Dingen der gewöhnlichen Umgebung scheint uns dieses freilich nicht der Fall zu sein, sie stehen urplötzlich da. Bei ungewöhnlichen und zusammengesetzten Erscheinungen haben wir aber ganz deutlich ') Ranke, Physiologie, 3. Auslage, p. 729. 743.