Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9643684-3089724--0975-3090817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 22 — innere Reizung, doch nun treffen sie auf Verständnis und sind von bedeutender, oft entscheidender Wirkung für das ganze Leben. Eindruck verbindet sich mit Eindruck in den verschiedensten Graden des Bewußtseins und des Verständnisses, und so erklärt sich die große Macht, welche selbst die unverstandene Umgebung auf das Kind ausübt. Die Frage, ob ein Eindruck bleibt oder nicht, hängt somit nicht allein von dem Verständnis ab, sondern von dem Grad der Empfänglichkeit. Die Empfänglichkeit wird bedingt durch Zustände des Gehirns, sie wird ferner bedingt durch den Bildungsgang, den ein Mensch durchmacht und namentlich dieser kommt hier in Betracht. Denn es ist auffallend, daß die Personen, von welchen jene wunderbaren Leistungen im Fieberwahn berichtet werden, nur eine geringe Bildung besaßen, womit die ebenfalls erwähnte Thatsache übereinstimmt, daß Idioten oft ein staunenswerthes Gedächtnis besitzen. Daraus scheint hervorzugehen, daß, je größere Leistungen dem Verstände zugemutet werden, desto geringer die Empfänglichkeit für unwillkürliche Eindrücke wird, wenn diese nicht gerade auf eine besondere Disposition, vor allem auf mächtig wirkende Triebe stoßen. Auch hier sehen wir, daß der Satz, daß Arbeit das beste Mittel ist Eindrücke vergessen zu lassen, seine Richtigkeit hat. Die Eindrücke in der Jugend sind allerdings sehr dauerhaft, sie dauern aber nur unbewußt fort, wenn andere Eindrücke sie verdrängen, die für das Interesse von größerem Werte sind. In hohem Alter verschwinden diese letzteren, und die Eindrücke der frühesten Jugend treten hervor. Auch diese Erscheinung ist eine Leistung des sensorischen Gedächtnisses, doch auf ihre Begründung müssen wir hier verzichten. Eine Wirkung des sensorischen Gedächtnisses heben wir hier besonders hervor: Was einmal fehlerhaft angeeignet ist, ist nur schwer zu ändern, da der Eindruck in den Sinnesorganen eine Nachwirkung erregt, die oft mit großer Beharrlichkeit bleibt. Je schwächer das Kind, je jünger es ist, desto weniger Anteil nimmt das Bewußtsein, desto mehr überwiegt das sensorische Gedächtnis. Daher ist eine fehlerhafte Unterweisung in frühester Kindheit oft von schweren Folgen für die gesammte geistige Entwicklung begleitet. Eltern sollen deshalb dem Schulunterricht nicht vorgreifen. Was fehlerhaft gelehrt, sucht immer in seiner fehlerhaften Erneuerung wieder zu kommen, und nur mit der größten Anstrengung ist es möglich eine Verbesserung herzustellen; immer bleibt eine Spur der fehlerhaften ersten Aufnahme zurück. Diese Erscheinung bezieht sich sowohl auf die sachliche Mangelhaftigkeit als auch auf die Art der Aufnahme. Eine falsch gegebene Regel wird von dem Kinde immer wiederholt, daher ist ein mangelhafter Unterricht schlimmer als keiner; eine flüchtige Auffassungsweise, ein oberflächliches Lernen läßt sich oft nur schwer wieder abgewöhnen und meistens nur auf dem Wege, daß das Kind von neuem anfängt, jedoch die alte fehlerhafte Auffassungsweise bricht sich häufig genug von neuem Bahn. Es giebt Kinder, die mit unverwüstlicher Ausdauer denselben Fehler wiederholen, so daß man ihnen mit Sicherheit den Fehler, den sie machen werden, voraussagen kann. Psychologisch interessant ist ferner der Fall, daß Kinder bei der Erlernung eines Gedichts, eines Gesprächs, immer genau an einer und derselben Stelle stocken oder einen Fehler machen — ist diese Stelle passirt, so geht es mit größter Sicherheit weiter. Ihr Bewußtsein steht unter der Herrschaft des physischen Vorgangs, wenn es gelingt eine stärkere Beziehung des Bewußtseins auf den Vorgang herzustellen, die Aufmerksamkeit auf den in Frage kommendeu Punkt so anwachsen zu lassen, daß die Bewegung dem Willen unterliegt, so wird die Hemmung der Fehler überwunden. Das mechanische Gedächtnis ließe sich also wohl aus physiologischen Ursachen erklären, nicht aber das Bewußtsein, der Wille, die Aufmerksamkeit.