Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9643684-3089724--0974-3090816- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 21 — Das sensorische Gedächtnis erscheint ferner da, wo Vorstellungen mit unabänderlicher Gewalt das Bewußtsein beherrschen, wie es bei den Trieben der Fall ist. Der Erhaltungstrieb, der Zerstörungstrieb zeigen solche Erscheinungen, welche oft zu Handlungen fuhren, bei denen der Thäter selbst nachträglich erklärt, er kämpfe vergeblich gegen sie an, werde aber gleichsam von einer geheimen Macht zu ihnen gegen besseres Wissen und Wollen angetrieben. Das sensorische Gedächtnis erscheint vor allem als eine Beeinflussung des Bewußtseins durch die Umgebung zu einer Zeit, wo dieses sich noch mehr empfangend als bearbeitend verhält. Auf dieser Beeinflussung beruht die große Wirkung der Umgebung auf das Kind, in ihr wurzelt der künftige Charakter. Als erstes Gesetz für die Aneignung stellen wir den Satz auf: Jeder Eindruck, ohne Unterschied auf Inhalt, Form, Grad der Klarheit der Auffassung oder Stärke der Aufmerksamkeit kann angeeignet und erneuert werden. Selbst zufällige von uns nicht beachtete Eindrücke können im Bewußtsein wiederkehren und kehren oft eher wieder und mit größerer Stärke als eine sorgsam und mit Aufmerksamkeit und Verständnis erworbene Vorstellung. ^) Einen Beweis liefern die in der Anmerkung erwähnten Fälle, in welchen Fieberkranke gehörte Reden fremder Sprache, die sie nicht verstanden, oder Unterredungen, deren Zeuge sie waren, wörtlich wiederholten; einen weiteren Beweis liefert der Traum, in welchem unbeachtete Eindrücke auftauchen. Oft werden Vorstellungen, Begriffe bewußt, deren Ursprung wir nicht anzugeben vermögen, und namentlich bei Kindern scheinen Eindrücke dieser Art häufig zu sein. Das Gedächtnis nimmt die Eindrücke auf, während das Bewußsein sich nur leidend, ja gleichgültig gegen sie verhält oder sie doch inhaltlich nicht zu fassen vermag 2) — in späteren Zuständen tauchen diese Eindrücke Plötzlich aus, zufällig, vielleicht durch Wir erwähnen einen oft angeführten Fall von einem Mädchen, welches im Alter von 26 Jahren von einem Fieberanfall ergriffen wurde und während des Deliriums hebräische, griechische und lateinische Stücke hersagte. Sie war als Waise im Alter von 11 Jahren von einem sehr gelehrten Pfarrer aufgenommen, der nach Tische diese Stücke rentierte und sie hatte in der Küche sitzend die Stücke gehört. Ein anderes Beispiel bietet der Fall, daß ein im Dienste eines Diplomaten stehender Kammerdiener im Fieber die Gespräche wiedergab, deren Zeuge er gewesen (wobei jedenfalls neben seiner Treue auch sein geringer Bildungsgrad Veranlassung war, daß man ihn als Zeugen duldete). Als der Diplomat ihn nach der Wiedergenesung als Sekretär benützen wollte, ergab sich seine völlige Unbrauchbarkeit. Ein Rostocker Bauersmann sagte im Fieberanfall die griechischen Ansangsworte des Johannesevangeliums her, die er vor 60 Jahren vernommen. Man vergleiche Mandsleh a. a. O. p. 14. Eine besonders reiche Sammlung ähnlicher Fälle gibt lains. äs l'intslliAßnos tmraains (Paris 1878) Bd. 1 p. 133. Huber, das Gedächtnis, München 1878 p. 35. I)n?rs1, über das Erinnerungsvermögen, Kosmos, 7. Jahrgang, Stuttgart 1883. Volkmann von Volkmar, Lehrbuch der Psychologie, Cöthen 1875 p. 179. Einen Versuch, alle diese abnormen Erscheinungen des Gedächtnisses unter gemeinsame Gesichtspunkte zu bringen und nach Gesetzen zu erklären, machte Ribot in seinem Werk: Nalaäiss äs 1a Nömoirs (2. Auflage), Paris 1883. Bedeutendes auf diesem Gebiet hat auch Kußmaul geleistet in seinen Störungen der Sprache (Leipzig 1877). 2) Fälle dieser Art s. Taine a. a. O. I P. 132, ferner Mauri, 1s sommeil et 1s8 rsves, Paris 1878 Maury berichtet, daß ihm drei Eigennamen verbunden mit dem Namen einer französischen Stadt nicht aus dem Sinne kommen wollten, er wußte nicht, woher er sie hatte und was sie bedeuteten. Endlich fiel ihm ein altes Zeitungsblatt in die Hände und er las eine Anzeige von Mineralwassern unter Angabe der Apotheker in den wichtigsten Städten Frankreichs, wo diese Mineralwasser verkauft wurden. Und hier standen auch die drei unbekannten Namen, die Maury's vortreffliches Wortgedächtnis ohne sein Wissen behalten hatte. Und wie häufig nehmen wir unbewußt Eindrücke in uns auf, von denen wir später nicht wissen, wo wir sie erworben.