Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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— 18 - empfinden Kinder oft nach Jahren eine panische Furcht vor Tieren, von denen sie in zarter Kindheit ein Leid erfahren, so bewirkt oft schon der bloße Name einer schreckhaften oder verderblichen Erscheinung eine Verwirrung, die oft lange keinen andern Eindruck zuläßt. Die Fähigkeit der Aneignung und die Form der Erneuerung hängt somit von einem allgemeinen Zustand des Bewußtseins ab, und die beste Kunst der Erziehung scheitert in ihren Bemühungen, wenn sie nicht in dem Kinde jenen Zustand des Gleichgewichts findet, der die Bedingung der Aneignung ist. Da alle Eindrücke, welche wir in uns aufgenommen haben, nach Erneuerung streben und in dem Zusammenhang sich erneuern würden, in welchen sie aufgenommen wurden, so bedarf es einer Hemmung/) sowohl um die Vorstellungen niederzuhalten die nicht in den geregelten Verlauf der Gedanken gehören als auch um die Vorstellungen, welche in's Bewußtsein getreten sind, wieder aus demselben treten zu lassen. Die Hemmung bewirkt somit das Vergessen, das Entschwinden einer Vorstellung aus dem Bewußtsein. Ob ein Eindruck dauernd aus unserm Bewußtsein entschwunden ist, können wir nie wissen, er kehrt oft urplötzlich zurück, nachdem wir schon der Meinung waren, daß er für uns verloren sei. Die Stärke der Hemmung bewirkt oft ein Vergessen der schmerzhastesten und schmerzlichsten Empfindungen. So soll Pascal sich an die Lösung des Problems des Cycloids gemacht haben, um seine Zahnweh zu vergessen. Ost bemerken Soldaten in der Hitze des Kampfes nicht daß sie verwundet worden. Archimedes überhörte das Getümmel bei der Erstürmung der Stadt. Daß Arbeit das beste Mittel ist, schmerzliche Erinnerungen in uns zu verwischen, ist ein altbewährter Satz und die beste Kunst, in einem Kinde Erneuerung von Gewohnheiten und moralischen Fehlern zu verhüten, ist die Kunst es geeignet zu beschäftigen und anzuregen. 2. Mendes und Miges Verhalten. KmptivM und AMMption. Unser Bewußtsein kann sich sowohl an der Aneignung als an der Erneuerung psychischer Ereignisse in verschiedenen Abstufungen beteiligen, doch unterscheiden wir in diesen zwei Grundformen: entweder ist unsere Seele passiv bei der Aneignung (receptiv), auch die Erneuerung ist durch eine zufällige Einwirkung entstanden, oder sie merkt auf und die Sinnesorgane werden von uns absichtlich in eine Lage gebracht, um Wahrnehmungen zu machen (Anpassung der Sinneswerkzeuge an die wahrzunehmenden Gegenstände) und wir beziehen die Wahrnehmungen aufeinander und suchen absichtlich eine Erneuerung der Eindrücke herbeizuführen. Diese zweite Art unseres Verhaltens nennen wir die!) Den Begriff der Hemmung in die Psychologie eingeführt zu haben, ist ein bleibendes Verdienst Herbarts Er geht von der Annahme aus, daß alle Vorstellungen in der Seele fortdauern, jedoch nur in der Form eines Strebens wieder bewußt zu werden. Die Vorstellungen werden aus dem Bewußtsein verdrängt, indem entgegengesetzte Vorstellungen sich hemmen und die eine von der andern in ihrer Stärke herabgemindert oder gänzlich aus dem Bewußtsein verdrängt wird. Wenn die Hemmung aufgehoben ist, tritt die verdrängte Vorstellung wieder in's Bewußtsein. Wenn nun mehrere Vorstellungen mit einander verbunden sind und zwar nach einer gewissen Abstufung, so wird diese ganze Verbindung durch die hemmende Vorstellung verdrängt — ist die Hemmung beseitigt, so tritt jene verdrängte Vorstellung wieder in's Bewußtsein und hebt die mit ihr verbundenen Vorstellungen gleichzeitig mit ihr empor. Auf diesen abgestuften Verschmelzungen, die in's Bewußtsein gehoben werden, beruht nach Herbart der Mechanismus des Gedächtnisses. (Herbart nennt das Gedächtnis die treue Reproduktion, sofern es uns Reihen von Vorstellungen in der nämlichen Ordnung und Folge wiederbringt, wie dieselben waren aufgefaßt worden (f. seine Psychologie Bd. V. der Hartenstein'schen Ausgabe x. 26). Daher ist es durchaus im Sinne Herbarts, wenn seine Schule das Gedächtnis nichts anders als das Vermögen der unveränderten Reproduktion nennt und als seine vorzüglichste Eigenschaft die Treue bezeichnet, mit welcher es dys Gemerkte so wiedergiebt, wie es ursprünglich da war. (Lindner, Lehrbuch der empirischen Psychologie, CM 185L p. 77).