Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9643684-3089724--0970-3090812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 17 — Unsere Gewohnheiten bestehen ebenfalls aus Handlungen, die ursprünglich mit Bewußtsein gepaart waren; wir haben nicht nöthig auseinander zu setzen, daß diese Handlungen derartig automatisch werden, daß wir Angewöhnungen nicht bemerken und sie trotz unseres guten Willens nicht mehr abgewöhnen können. Auch die Bildung als das Resultat einer Summe von Kenntnissen gehört zu den Erscheinungen, die auf organischem Gebiete eine Verwandtschaft zeigen. Nicht alle Kenntnisse werden im Bewußtsein aufbewahrt, eine große Anzahl derselben geht verloren, und doch entsteht aus denselben, aus der jahrelangen Beeinflussung des Bewußtseins durch die mitgeteilten Kenntnisse ein veränderter Allgemein-Zustand, der sich selbst in der äußeren Erscheinung eines Menschen zeigt. Doch gerade hier zeigt sich wieder die Unzulänglichkeit der einseitigen Ableitung des Gedächtnisses aus organischen Vorgängen. Denn wenn wir annehmen müßten, daß ein jeder Eindruck neben dem andern in den Centralorganen abgelagert würde, so ließe sich niemals jene Durchdringung und Verschmelzung der Empfindungen und der Vorstellungen erklären, die wir als besonders charakteristisch für die Erneuerung im Bewußtsein ansehen müssen. Wir glauben, daß ein weiterer Beweis für die Ansicht, daß das Gedächtnis nur auf Bewußtseinsvorgänge zu beziehen ist, darin liegt, daß die eingeübten Bewegungen sofort ataktisch werden, also in regellose übergehen, wenn eine Störung anbestimmten Stellen der C ent ralorgane erfolgt, also von einem „Muskelgedächtnis" nicht gesprochen werden kann, welches für die Bewegungen bestehen soll. Durch die Central-Organe wirkt das Bewußtsein aus den Organismus ein und empfängt von ihnen die Anregung zu den Leistungen des Denkens und Wollens, doch je weiter unser Forschen dringt, desto rätselhafter erscheint die Wechselwirkung zwischen den Central-Organen und den Bewußtseinszuständen und nur die eine Überzeugung ist es, die wir mit größter Sicherheit erlangen: daß eine Erklärung des Seelenlebens durch rein mechanische Vorgänge unmöglich ist. Kapitel II Uon den Bedingungen der bewußten Aneignung. 1. Der Zustand der Besonnenheit. Die Hemmung. Die Eindrücke, die wir in uns aufgenommen haben, würden sich in regelloser Weise in unserm Bewußtsein erneuern, wenn dieses nicht in einem Zustande wäre, d ur ch welchen sie ihren geregelten Verlauf nehmen können. Dieser Zustand läßt sich mit dem des Gleichgewichts des Körpers vergleichen, nach dessen Aufhebung die Bewegungen nicht mehr in ihrer Regelmäßigkeit und Sicherheit ausgeführt werden können. Den Zustand des Gleichgewichts nennen wir für das Bewußtsein die Besonnenheit, er ist die erste Bedingung der Aneignung. Das Gegenteil von Besonnenheit ist die Zerfahrenheit und diese wirkt auf das Gedächtnis zerrüttend. Die Besonnenheit beruht darauf, daß nur Eindrücke aufgenommen werden, welche den Denkgesetzen gehorchen, und daß ein Wechsel in dem Vorstellungsverlauf stattfinde, der unter der Herrschaft des Denkens steht. Die aufstrebenden Erneuerungen werden in diesem Zustande von der Seele zurückgewiesen oder angenommen und verwertet, um dann von andern Einwirkungen verdrängt zu werden. In dem geregelten Vorstellungsverlauf findet eine Beziehung der Eindrücke aufeinander statt, die den Gesetzen und Thatsachen der Wahrnehmung entspricht. Der ungeregelte Verlauf ist entweder überhaupt zusammenhanglos oder widersinnig. Die Vorstellungen tauchen auf, ohne daß sie durch die Gewalt des Willens, durch das Urteil des Verstands eine Lenkung erfahren. Oft allerdings wirkt ein Eindruck so mächtig, daß er diesen geregelten Verlauf aufhebt oder unterbricht und die Erinnerung an ein Ereignis hat meistens die Aufhebung der Besonnenheit von neuem zur Folge. So