Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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— 16 — Eine Wechselwirkung zwischen Organismus und Bewußtsein ist jedoch nicht zu verkennen, andererseits ähneln Erscheinungen des Bewußtseinsverlaufs den Prozessen in der organischen Welt. Wenn eine Vorstellung wiederholt in mir erscheint, so tritt ihr Inhalt für das Bewußtsein mehr und mehr zurück. Ich spreche von einem Sturme auf dem Meere, von einem Schiffbruch, ohne in mir das Bild eines Sturmes, eines Schiffsbruchs immer wieder zu erneuern. Ich lese, daß ein Haus, ein Garten, zu verkaufen ist — das Bild derselben taucht vielleicht flüchtig vor mir aus, doch häufig lese und spreche ich weiter, ohne daß selbst ein schwaches Bild von ihnen in mir entsteht. Wie anders sieht das Kind den Einband eines Buches an, wie. anders der Erwachsene — das Kind verbindet mit der Wahrnehmung eine Menge Beziehungen, die in dem Erwachsenen zu einer Gesammtvorstellung verschmolzen sind, die im allgemeinen nur ein flüchtiges Vorstellen hervorruft. Bei dem Kinde können wir auch am besten beobachten, wie die Vorstellungen allmählich jene Selbstverständlichkeit und freie Beweglichkeit erhalten, durch welche sie, wie bereits erwähnt den automatischen Bewegungen ähneln (s. p. 10). Was es nur mühsam erlernt hat, indem der Erzieher Teil für Teil des zu Lernenden erläuterte, dem Kinde Satz für Satz verständlich machte, das wiederholt dasselbe erst langsam und mit angestrengter Aufmerksamkeit, dann geht die Erneuerung immer leichter und schneller vor sich, bis das Gelernte ihm derartig angeeignet ist, daß die Sprache kaum dem vorauseilenden Gedanken folgen kann. Auch das Bewußtsein erhält also durch die wiederholte Einwirkung von Vorstellungen seine dauernde eigentümliche Gestaltung, wie Einwirkungen auf den Organismus diesem eine eigentümliche Gestaltung geben, doch die Ähnlichkeit erlaubt uns nicht, auf Einerleiheit zu schließen. Charakter, Gewohnheiten, der geistige Bildungsgrad beruhen auf dem allgemeinen Naturgesetze, daß viele Einwirkungen bestimmter Art auf das Bewußtsein dauernd gewirkt und so eine charakteristische Gestaltung desselben herbeigeführt haben, es ist also ein und dasselbe Gesetz, welches in der organischen Welt wirkt und in der Welt des Bewußtseins erscheint. Die allmählige Gestaltung des Charakters entspricht jenem Gesetz in der organischen Welt, nach welchem ein oft wiederholter Eindruck dem Organismus derartig einverleibt wird, daß dieser hiermit seine eigentümliche Form erhält. Der Organismus ändert sich um, indem er den Bedingungen folgt, die in seinem Wesen liegen und je nach seinen Grundeigenschaften wird er durch die neuen gleichartigen Eindrücke seine bestimmte Gestaltung erfahren. So hängt auch der Charakter einerseits von der allgemeinen körperlichen und geistigen Beschaffenheit, andrerseits von solchen Einwirkungen ab, die sich durch wiederholtes Zusammensein mit der Persönlichkeit verschmelzen. Man hat sogar häufig den Charakter ein Gedächtnis des Willens genannt, wobei freilich übersehen wird, daß die Willenshandlungen vom Charakter abhängig ist und nicht der Charakter von jenen. Herbart versteht unter Gedächtnis des Willens eine Anlage zur Festigkeit des Charakters. Er wundert sich, daß man nicht die Beharrlichkeit der Vorstellungen mit der Beharrlichkeit des Wollens parallelisirt habe. „Soviel ist gewiß, daß ein Mensch, bei dem sein Wollen nicht, gleich den Vorstellungen im Gedächtnis, so oft sich die Veranlassung erneuert, ohne weiteres als dasselbe wieder hervortritt — der sich erst durch Überlegung auf den vorigen Entschluß zurückführen muß — große Mühe haben wird, Charakter zu gewinnen." „Wo Gedächtnis des Willens ist, da wird auch die Wahl sich von selbst entscheiden. Ohne alle theoretische Überlegung wird der Mensch inne werden, was er lieber wolle und was er lieber opfere, was er mehr oder minder scheue er wird es in sich erfahren. Ein veränderliches Gemüt aber kommt hierin zu keiner reinen Erfahrung. (Herbart, Hartenstein'sche Ausgabe, Leipzig 1851, Bd. X p. 118).