Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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— 15 - Wir wenden uns also zu der Beteiligung des Bewußtseins an der Erscheinung des Gedächtnisses und untersuchen die Frage, in welchem Zustande dasselbe sein muß, wenn eine geregelte Gedächtnisthätigkeit stattfinden soll. Zweite Abteilung: Das Gedächtnis und das Bewußtsein. Kapitel I. Das Bewußtsein als Grundlage der Gedächtnisthätigkeit. Wir haben bereits früher erwähnt, daß eine Richtung der physiologischen Forschung das Bewußtsein als etwas unwesentliches (accidentielles) bei den Gedächtniserscheinungen betrachtet und von einem organischen biologischen Gedächtnis spricht, - welches als eine Leistung des Nervensystems betrachtet wird.^) Wir bemerken in Hinsicht auf das menschliche Gedächtnis Folgendes. Eine Beobachtung der Vorgänge bei dem Lesen und dem Sprechen zeigt uns, daß das Gedächtnis und das Bewußtsein in innigster Wechselwirkung stehen. Wenn wir ein Buch lesen, also eine Reihe von Vorstellungen nach einander in uns aufnehmen, so lesen wir Satz für Satz, Blatt für Blatt. Ein Satz nach dem andern tritt in das Bewußtsein, entschwindet aber auch aus demselben, um einem neuen Satze Platz zu machen. Aber obwohl die Sätze nach und nach wieder aus dem Bewußtsein treten, entsteht in mir ein einheitliches Wissen von dem, was ich gelesen. Im allgemeinen stehen nicht mehr die einzelnen Sätze, sondern eine Gesammtvorstellung vor meinem geistigen Auge, aus welcher Gesammtvorstellung ich die einzelnen Teile wieder ableiten kann. Bei dem Sprechen unterscheiden wir die Vorbereitung der auszusprechenden Gedanken und die Nachwirkung der ausgesprochenen. Sobald wir nämlich einen Satz gesprochen haben, entsinken die einzelnen Worte desselben und mit ihm der Satz als Redeteil aus dem Bewußtsein, dennoch bildet unser Ideengang ein Ganzes. Das Bewußtsein muß also eine Kette von Beziehungen herstellen, denen wir erst nacheinander durch gesprochene Sätze Ausdruck verleihen, und sowohl bei der Aufnahme als beim Sprechen findet eine Beziehung, ein Zusammenhalten der eiuzelnen Teile statt durch diese Wechselwirkung von Bewußtseinsvorgängen und Gedächtnisthätigkeit. Ein Beweis für die Notwendigkeit, das Gedächtnis auf Erneuerungen im Bewußtsein zurückzuführen, gibt schon folgende Erwägung: Die Thätigkeit des Gedächtnisses, d. h. die Aneignung wird häufig nur durch Vorkehrungen ermöglicht, die nur eine Thätigkeit des Verstandes sein können. Wenn wir uns die Jahreszahl der Geburt großer Männer genau merken wollen, so suchen wir nach Beziehungen, die uns das Behalten dieser Zahlen erleichtern: 1729 wurde Lessing geboren, 1749 Göthe, 1759 Schiller, 1769 Humboldt. Das Kind erleichtert sich die Aneigung dieser Zahlen durch die Bemerkung, daß in ihnen 9 die Stelle der Einer einnimmt, daß Lessing in seinem Wirken Göthe und Schiller vorausgeht, daß erst ein Zwischenraum von 20 Jahren, dann ein solcher von 10 Jahren folgt. Es behält die Jahreszahl für die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien, indem es bemerkt, daß sie sechs Jahre nach der Entdeckung Amerikas erfolgte (1492). Diese letztere Zahl behält das Kind mit großer Sicherheit, weil die Entdeckung Amerikas ihm mit lebhaften Farben als etwas besonders Ungewöhnliches und Wichtiges geschildert wurde. Ost ist die mechanische Aneignung überhaupt nicht möglich ohne Hülfe des beziehenden Denkens. Ein Kind ist häufig nicht im Stande, eine zusammengesetzte grammatische Regel auch nur wörtlich zu lernen, während es diese mit Leichtigkeit behält, wenn sie ihm erläutert wird. Wir erwähnen besonders Ribot in seinen Werken Iss ma1aäis8 äs la, memoire,?ari3 1883 und l'ueröäitö xs^okoloZicjM,?g.iis 1882.