Mannheim
Compact Memory

Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1885-01-01 · 1885 · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1885
Date
1885-01-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9643684-3089724--0967-3090809
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 14 - Wir müssen also annehmen, daß das Gehirn des Kindes in einem gewissen Alter von besonderer Empfänglichkeit und von besonderer Fähigkeit ist, Eindrücke zu behalten. Wie erwähnt scheint im siebenten Lebensjahre die Receptivität ihren Höhepunkt zu erreichen, mit dem siebenten Jahre scheint auch die Eindrücke verbindende Thätigkeit sich lebhafter zu entfalten. Indem wir bemerken, daß das Gehirn Zustände verschiedener Empfänglichkeitsgrade besitzt und daß diese Receptivität in dem Kindesalter am höchsten ist, muß die Erziehung sich eingedenk sein, daß in den Jahren des ersten Schulbesuchs körperliche Verhältnisse von größerem Einfluß auf die geistige Entwicklung sein müssen als später, wie umgekehrt auch die geistige Inanspruchnahme einen erhöhten Einfluß auf die körperliche Entwicklung hat. Mit dem 12ten Lebensjahre nimmt nach Beneke die Fähigkeit des Auswendiglernens ab. Wir sind der Ansicht, daß in diesem Alter die begriffliche Entwicklung des Lehrgegenstandes mehr in den Vordergrund tritt und daß die mechanische Aneignung immermehr zurücktritt, je lebhafter der Verstand die Gegenstände der ihn umgebenden Welt erfaßt. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß hierbei individuelle Entwicklung von hervorragendem Einfluß ist. Diese Entwicklung wurzelt sowohl in organischen Bedingungen als in den Einflüssen der Außenwelt als in dem verschiedenartigen Interesse. Dafür, daß der Mensch vor allen übrigen Geschöpfen zu einer individuellen Entwicklung bestimmt ist, spricht die Thatsache, daß kein anderes Wesen so reich organisirt ist als er; in ihm erscheinen die Sinnesorgane, das Nerven- und Muskelsystem, das Gehirn und seine Bestandteile, in so überaus mannigfaltiger, verwickelter und empfindlicher Zusammensetzung und Verbindung, daß die denkbar größte Verschiedenartigkeit der Entwicklung ermöglicht wird. Die Bestimmung zu einer individuellen Entwicklung erscheint ferner gegeben durch die langsame Ausbildung gerade der Teile, durch deren Vermittlung das Seelenleben Kunde von der Außenwelt empfängt und auf diese zurückwirkt, denn von der Eigenart dieser Organe hängt es ab, wie diese Kunde in unser Bewußtsein gelangt, wie sich das innere Leben abspielt und wie wir auf die Außenwelt zurückzuwirken suchen. Indem sich diese Teile sehr langsam entwickeln und zwar in ununterbrochener Wechselwirkung mit der Außenwelt, ist die Möglichkeit einer Beeinflußung durch die umgebende Außenwelt gegeben wie bei keinem anderen Geschöpfe. Das Tier tritt in größerer Vollendung in die Welt als der Mensch. Es dauert nicht lange, so hat das Junge die Eigenschaften und Fertigkeiten, welche der Gattung zukommen und je einfacher und einförmiger die Organisation, desto geringer sind auch die individuellen Unterschiede, die wir bei den einzelnen Tieren einer und derselben Gattung wahrnehmen. „Dem Gehirne des Menschen", so bemerkt ein Forscher, „wie überhaupt seinem ganzen Körper ist ein weiterer Spielraum individueller Entwicklung gegeben, weil ein großer Teil derselben in die Entwicklung nach der Geburt fällt. Es wächst heran unter den Eindrücken seiner Umgebung auf seine Sinne und erwirbt unter solchen Verhältnissen in individuell ausgeprägter Weise das, was dem Tiere gleich in fester genereller Weise gegeben ist."^) Wir erkennen jedoch, daß es auch hinsichtlich der Individualität nicht ausschließlich organische Bedingungen sein können, welche bestimmend einwirken, sondern daß Umgebung, Erziehung, Lebensverhältnisse aller Art allmählich die Individualität entstehen lassen, mit einem Worte: es sind auch für die Gestaltung der Individualität Bewußtseinsvorgänge, die neben den organischen Verhältnissen in Frage kommen.!) Ewald Hering, über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisirten Materie (Wien 1876) P. 21. Vergl. ferner Wundt, Grundzüge der Physiologischen Psychologie (Leipzig 1880) insbesondere Bd. II p. 338 ff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.