Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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— 11 — Wir geben an dieser Stelle die Bemerkungen Kußmauls wieder, die er über die körperlichen Bedingungen des Gedächtnisses ausstellt: 1) Versorgung der Nerven mit ausreichendem Nährmaterial. Erschöpfung durch Mangel an Nahrung, übermäßige Muskel- oder Geistesarbeit schwächt dasselbe. 2) Richtige Blutverteilung, abhängig von Struktur und Innervation der Blutgefäße. — Die sensile Amnesie (Verlust, Schwächung des Gedächtnisses im Greisenalter) ist ein Beispiel vom Einfluß des ersten Moments, die vorübergehende bei Flurronen des Gehirns des zweiten. 3) Richtige Beschaffenheit des organischen Bodens, der aus dem Blute die Nährstoffe aufnimmt. — Das Gedächtnis ist abhängig von angeborner und ererbter Beschaffenheit des Gehirns, der Größe seiner nutritiven Energie (Krast zur Ernährung) und Entwicklungsfähigkeit. 4) Die nötige Anhäufung assimilirten Rohmaterials, wozu hauptsächlich der Schlaf dient — Nachtwachen schwächen das Gedächtnis (Kußmaul, Störungen der Sprache, Leipzig 1877, p. 37). Die Beteiligung an dem Zustandekommen des Gedächtnisses geht sowohl von den Organen an der Oberfläche des Körpers aus als von den Centralorganen. Denn die Sinneswerkzeuge leiten die empfangenen Reize zum Gehiru, ist ihre Thätigkeit eine ungenügende, oberflächliche oder ihre Beschaffenheit mangelhaft, so wird auch die Aneignung eine ungenügende sein. Von der Beschaffenheit der Sinneswerkzeuge an der Oberfläche des Körpers, von ihrer normalen Thätigkeit hängt die Aneignung in der Weise ab, daß die Eindrücke nicht anders der Seele vermittelt werden können als es nach der Beschaffenheit und Thätigkeit der Sinnesorgane möglich ist. Schon nach physiologischen Gesetzen werden alle Eindrücke, die zu rasch aufeinander folgen, mit einander vermischt, es entsteht kein abgegrenztes Bild, sondern ein unbestimmter Gesammteindruck. Auch auf die äußeren Sinneswerkzeuge können Reize eine derartige Nachwirkung hervorrufen, daß das Bild, der Klang, das schmerzhafte Gefühl noch längere Zeit erhalten bleibt. Diese Erscheinung hat man das S in nes gedächt nis genannt. Wenn wir lange Zeit in die Sonne gesehen haben und dann in ein dunkles Zimmer treten, so entsteht in uns ein Nachbild, das leuchtende Sonnenbild steht vor unserem Auge. Es liegt nahe, bereits in dieser Erscheinung die Gedächtnisthätigkeit zu erblicken, ja das Gedächtnis ausschließlich auf Erinnerungsnachbilder zurückzuführen. Fechner hat solche Bilder, welche in uns kurz nachher entstehen, wenn wir einen Gegenstand gesehen haben. Erinner ungs Nachbild er genanntund wenn wir beobachten, daß Kinder oft auffallend rasch gleichsam im Fluge eine Seite Wörter, ein Gedicht lernen, um dann ebenso schnell das Gelernte zu vergessen, so haben wir es möglicher Weise bei diesem Lernen nur mit Nachbildern zu thun, welche ihrer Entstehung nach nicht von langer Dauer sein können. Das Nachbild entsteht, wenn ein Reiz längere Zeit auf ein äußeres Sinnesorgan gewirkt hat, so daß in diesem ein allerdings nur kurze Zeit andauernder Zustand hervorgerufen ist. Wir müssen aber annehmen, daß im Großen und Ganzen nur in den Centralorganen durch die Einwirkung der Außenwelt bleibende Zustände hervorgerufen werden und daß durch diese Gedüchtniserscheinungen in der Seele hervorgerufen oder doch in ihrem Verlaufe bedingt werden. Die Centralorgane des menschlichen Körpers, insbesondere ein bestimmter Teil des Gehirns, sind wie neuere Untersuchungen, insbesondere die von Kußmaul in seinem bereits erwähnten Werke hinsichtlich der Sprache, von Münk hinsichtlich der Gesichtseindrücke dargethan haben, an dem Zustandekommen des Gedächtnisses besonders beteiligt. Doch indem wir hier eine Skizzierung der Beschaffenheit der Central- 1) Fechner. Psychophysik II. p. 468 f.