Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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- 10 — das Eisen hart und das Eis kalt sei.^) Diese Vorstellungen werden uns so geläufig und so selbstverständlich, daß wir in ihrer Wiederkehr gar keinen Gedächtnißakt mehr bemerken. Und man wird sehr leicht erkennen, daß der menschliche Geist über einen solchen Apparat mechanisch gewordener Begriffe verfügen muß, denn so wenig der Mensch jeden Tag das Gehen, das Ankleiden von neuem erlernen soll, wenn er nicht sein ganzes Leben mit diesen Tätigkeiten verbringen soll, so wenig darf er immer von neuem einen geistigen Prozeß und von ansang an wiederholen, wenn ein Fortschritt stattfinden soll. Doch indem wir die Vorstellungen anwenden, werden sie für uns nicht Bewegungen, auf die wir nicht mehr zu achten haben, sondern sie sind und bleiben Bewußtseinsakte. Das Bewußtsein zieht sich nicht von ihnen zurück, überläßt sie nicht sich selbst, sondern es verwendet sie als Gegenstand des Denkens. Damit die Seele sich mit den Vorstellungen beschäftigen könne, müssen die Bewegungen des Körpers automatisch werden. Abschnitt II. Von der Mitwirkung der körperlichen Organe und des Bewußtseins bei der Aneignung und Erneuerung. Erste Abtheilung: Die körperlichen Organe. Kapitel I. Nachweis der Beteiligung körperlicher Organe an der Aneignung. So entschieden wir die einseitige Ableitung des Gedächtnisses aus organischen Vorgängen zurückweisen müssen, so läßt es sich doch nicht verkennen, daß gerade das Gedächtnis als Aneignung eines psychischen Eindrucks von organischen Bedingungen abhängt. Schon die Störungen des Gedächtnisses weisen auf diesen Zusammenhang hin, doch auch andere Erscheinungen beweisen es. Idioten sagen lange Erzählungen Wort für Wort, -ohne eine Spur von Verständnis auswendig her. Diese Aneignung geschah nur Seitens der Sinnesorgane, welche die Schall- und Gesichtseindrücke aufnehmen, die Beteiligung der Seele ist bei ihnen durch irgend eine Störung oder mangelhafte Entwicklung gehemmt. Im Traum, im Fieber tauchen die Vorstellungen empor ohne Ordnung, teils ohne Zusammenhang, teils in einem Zusammenhang, der uns im wachen Zustande als wiedersinnig, als lächerlich erscheint. Narkotische Mittel, Gifte, Erschütterung durch Stoß und Druck, Blutverluste und Blutandrang, körperliche Ermüdung rufen teils sehr auffallende Erneuerungen entschwundener Vorstellungen hervor, teils hemmen sie die Aneignung neuer, teils die Erneuerung älterer Vorstellungen oder sie heben das Gedächtnis gänzlich auf. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß körperliche Zustände auf die Seele zurückwirken und dieses Gesetz muß sich auch beim Gedächtnis zeigen. Für uns kommt besonders in Betracht, daß körperliche Anstrengung und Ernährung auf die Erinnerungsfähigkeit einwirkt. So berichtet der Engländer Henry Holland, daß er nach dem Besuche von zwei tiefen Bergwerken des Harzes an einem Tage auf kurze Zeit sein ganzes Deutsch vergessen habe und erst nach einiger Erholung und Einnahme von Erfrischungen die deutschen Worte wiederfand. Was den Einfluß von Nahrungsmitteln auf das Gedächtnis betrifft, so betonte schon Quintilian die Wichtigkeit der Auswahl derselben für ein gutes Gedächtnis und Alkuin gab Karl dem Großen auf dessen Frage, ob es eine Gedächtniskunst gäbe, unter anderm auch die Vermeidung der Trunkenheit an. ') Herbert Spencer, xriueiples ot iZL^okoloZ^ 551.