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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1885-01-01 · 1885 · page 8

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Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1885
Date
1885-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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IRI
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- 8 - Bedeutung desselben hinausgeht. Denn wenn wir auch in gewissen Vorgängen in den einfachsten tierischen Organismen die erste Stufe einer Reihe erblicken, die zu den höchsten Leistungen des Menschen führt, so müssen wir dieser Leistung des menschlichen Gedächtnisses ihre besondere Stellung geben, die sie thatsächlich einnimmt. Das menschliche Gedächtnis ist nicht allein eine Erneuerung von rein mechanischen Vorgängen, sondern von Vorgängen im Bewußtsein, zu welchen Erinnerung treten kann. Der Mensch weiß, daß die Vorstellung, die in ihm auftaucht, einer vergangenen Wahrnehmung angehört, er unterzieht sie einer Prüfung durch den Verstand, er weist sie oft zurück, er fragt sich, wann sich in ihm eine Vorstellung gebildet. Mithin müssen wir das menschliche Gedächtnis in Beziehung zum Bewußtsein auffassen, denn nur auf diese Weise bewahren wir uns vor einer später von uns noch zu besprechenden Verallgemeinerung dieses Begriffs, die aus einer Verlegenheit hervorgegangen ist, ähnlichen oder verwandten und im Zusammenhang mit dem Gedächtnis stehenden Vorgängen einen geeigneten Namen zu geben. Denn da das Gedächtnis eine Aneignung eines Geschehens Seitens des psychischen Organismus ist, so kommt für dasselbe ein Gesetz in Betracht, welches in der Neuzeit eine besondere Beachtung Seitens der Psychologie gefunden hat : das Gesetz der Uebung. Um dem Begriff des Gedächtnisses die erforderliche Abgrenzung zu geben und um die Verallgemeinerung, welche der Gedächtnisbegriff gefunden, auf ihren Wert prüfen zu können, müssen wir auf dieses Gesetz näher eingehen. Kapitel II. Die Aneignung durch Übung und Wiederholung. In innigem Zusammenhange mit dem Gedächtnis stehen Erscheinungen, welche die Übung und die Wiederholung eines psychischen Geschehens zur Folge hat. Daß die Aneignung durch Übung und Wiederholung verstärkt wird, ist zweifellos, und die Wirkung, welche diese Thätigkeiten hervorrufen, ist für das Gedächtnis von größter Bedeutung. Werfen wir daher einen Blick auf die Fassung, welche die neuere Psychologie den von Übung und Wiederholung bewirkten Erscheinungen gegeben hat. „Jedes Element" , so bemerkt Wundt, „wird um so geeigneter zu einer bestimmten Funktion, je häufiger es durch äußere Bedingungen zu derselben veranlaßt worden ist." ') Die Uebertragung dieses Prinzips auf die Funktionen des gesammten Nerven- und Muskelsystems hatte zur Folge, daß man einen tieferen Einblick in das Wesen vieler Vorgänge gewonnen, die für die Entwicklung des einzelnen Menschen in körperlicher und geistiger Hinsicht wie für die Entwicklung des Menschengeschlechts überhaupt von großer Bedeutung sind. Ein und dasselbe Gesetz gilt von dem Nerven- und Muskelsystem wie von den Leistungen des Geistes und gewiß hat es bei dem engen Zusammenhang von Leib und Seele seine hohe Bedeutung, wenn ein Forscher bemerkt: „Die tägliche Erfahrung lehrt uns, daß der Muskel um so kräftiger wird, je öfter wir ihn arbeiten lassen. Die Muskelfaser, die anfangs vielleicht schwach auf den Reiz antwortete, den ihr der Bewegungsnerv zuführt, thut dies um so energischer, je öfter sie, natürlich mit den entsprechenden Pausen der Erholung, gereizt wurde. Nach jeder einzelnen Aktion wird sie aktionsähiger, zur Wiederholung derselben Arbeit aufgelegter, zur Reproduktion desselben organischen Prozesses geneigter. Dabei gewinnt sie an Umfang, weil sie mehr assimilirt als bei dauernder Ruhe. 2) Auch bei der geistigen Thätigkeit sehen wir die Erscheinung, daß sie durch Übung und Wiederholung erstarkt und so können wir wohl sagen, daß sie an alle Gesetze gebunden erscheint, die für die 1) Wundt, phys. Psychol. Bd. 1 p. 225. 2) Hermg, das Gedächtnis als Funktion der organisierten Materie, p. 13.

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