Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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genommenen in irgend einer Form bewahrten, und aus diesen die Vorstellung im Bewußtsein selbstthätig erzeugten, auch ohne daß während dieses letzteren Vorgangs der Gegenstand noch weiter angeschaut wurde. Die Vorstellungen werden also im Bewußtsein erzeugt, auch wenn die urspüngliche Veranlassung, durch welche sie gebildet wurden, nicht gegeben ist oder wenigstens nicht in derselben Vollständigkeit gegeben ist. Die Vorstellung „Pferd" wird hervorgerufen nicht allein durch den Anblick eines Schimmels oder Rappen, sie kann entstehen durch den Anblick einer Straße, in welcher wir ein Pferd gesehen, durch den Anblick eines Hundes, eines Wagens, kurz sie kann sich bei jeder Wahrnehmung und bei jeder anderen Vorstellung erneuern, zu der sie in irgend einer Beziehung steht oder mit der sie nur einmal, wenn auch nur äußerlich, in Verbindung gestanden hat. Als ein wesentliches Moment für die Begriffsbestimmung betrachten wir die Erscheinung, daß jedes erneuerte Ereignis andere erneuert, die in irgend einer Beziehung zu demselben gestanden, irgend einmal mit ihm verknüpft waren. Diese Erscheinung hat man den „Mechanismus des Gedächtnisses" genannt und wir nehmen an, daß sie neben der Aneignung das Wesentliche in der Erscheinung des Gedächtnisses enthält. Nenne ich den Namen einer Stadt, z. B. Paris, so entsteht in mir etwa die Erinnerung an die Tuilerien, dann an den Präsidenten Grevy, dann an die gegenwärtig noch stattfindende Unternehmung in Tonkin, und das Spiel dieses Mechanismus würde immer weiter gehen, wenn nicht andere Einwirkungen es unterdrückten, die nun ihrerseits ähnliche Leistungen hervorrufen. Mithin ist das Gedächtnis die Aneignung eines psychischen Ereignisses in der Weise, daß dieses durch einen andern Reiz als durch unmittelbare Einwirkung des früheren erneuert wird, und mit andern vorhergegangenen Aneignungen so verknüpft erscheint, daß es sowohl diese erneuert alsvon ihnen erneuert werden kann. Das Gedächtnis ist mithin kein Raum, kein Behältnis, vielmehr ist es eine Eigenschaft der seelischen Organisation, die sich in der Verbindung und Erneuerung alles dessen zeigt, was einmal auf uns eingewirkt hat. Diese Eigenschaft ist in ihrem innersten Wesen ein Rätsel sür uns. Wir können wohl ihren Äußerungen nachgehen und diese unter gemeinsame Gesetze bringen, das Wesen des Gedächtnisses können wir nicht erklären. Die Begriffsbestimmung umfaßt also immer nur die äußere Erscheinungsweise des Gedächtnisses, und die Forschung muß sich damit zufrieden geben, die Erscheinungen desselben richtig zu beobachten und angemessen zu deuten. Aneignung, Beharren und Erneuerung sind Äußerungen des Lebens, die nicht allein der Seele zukommen, sondern in vielen Erscheinungen der Natur zu finden sind. Die Narbe bleibt dauernd zurück an der Stelle, wo sie entstand und bewahrt ihre charakteristische Form auch in der Weiterentwicklung des Körperteils, an dem sie sich befindet. ^) Eine gewisse Einwirkung von Lichtstrahlen auf ein empfindliches Blatt läßt einen dauernden Eindruck zurück, und das von ihnen erzeugte Bild kann vermittels einer Einwirkung durch eine Flüssigkeit nach längerer Zeit erneuert werden. Es hat an Versuchen nicht gefehlt, überall da, wo wir Aneignung, Beharren und Erneuerung bemerken, von Gedächtnis zu reden, und diese Wahrnehmung war eines der wesentlichsten Motive, welche einzelne Forscher veranlaßt haben, dem Gedächtnisbegriff eine Ausdehnung zu geben, die über die ursprüngliche Fassung und gewiß auch über die eigentliche Maudsley in seiner Physiologie und Pathologie der Seele (Deutsch von Böhm, Würzburg 1870 p. 190) vertritt die weitgehendste Ansicht, daß jedes Beharren einer Einwirkung aus den Organismus „Gedächtnis" sei. Dieselbe Ansicht vertritt 1.6^63,?iodl6M8 lito lmä miuä, tiiirä seriös p. 57.