Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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- 6 - Indem wir nun den Begriff des Gedächtnisses festzustellen suchen, schlagen wir einen andern Weg ein als den gewöhnlichen, der vom Zusammenhang des Körpers und der Seele ausgeht und mithin nur auf Vermutungen sich stützen kann. Wir benützen nämlich einen Begriff, den erst die neuere Psychologie in ihre Betrachtungsweise eingeführt hat: den der Arbeitsleistung. Und in der That ist der einzige Anhaltspunkt, der uns mit unumstößlicher Sicherheit gegeben ist, der, daß das Gedächtnis eine Arbeitsleistung des psychischen Organismus ist. Der Psychische Organismus besteht aus Seele und Leib, die in engster Wechselwirkung stehen. Was in unserm Bewußtsein erscheint, nennen wir ein psychisches Geschehen, wie Empfindungen, Handlungen, Bewegungen, Gefühle und Wahrnehmungen. Wie das Auge die Eindrücke der Gesichtsempfindungen vermittelt, so überliefert uns das Gehör reine Schallempfindungen, oder wir vernehmen Wörter, die Äußerung der Rede anderer Personen. Vermittels der Sprache bezeichnen wir die Dinge mit Namen, geben den Vorgängen, den Eigenschaften, die wir an den Dingen wahrnehmen, eine Bezeichnung. Das gehörte und gesprochene Wort ist mit dem Vorstellungsbilde verknüpft, welches uns die Gesichtswahrnehmung liefert. Unsere übrigen Sinnesorgane überliefern uns Empfindungen, Tastempfindungen, Druck- und Temperaturempfindungen, die Empfindungen des Geschmacks, des Geruchs. Daneben erscheinen die Gefühle, Triebhandlungen, Verstandes- und Willensthätigkeit. Alle diese Erscheinungen bilden den Inhalt unseres Bewußtseins, unserer Seelenthätigkeit. Sie erzeugen sich in bunter Wechselwirkung und rufen sich gegenseitig auf's neue hervor. Wir nennen diese Erneuerung das Gedächtnis. Das Gedächtnis läßt alle Vorgänge, die irgend einmal mit einander verknüpft gewesen, von neuem erscheinen, in der Weise, daß wenn ein Glied dieser Verbindung gegeben ist, auch die übrigen Glieder oder wenigstens ein Teil derselben im Bewußtsein erneuert werden. Ein jedes psychische Geschehen ist mit einer Erregung in den Sinnesorganen und in der Seele verbunden, mithin ist eine jede Äußerung des psychischen Lebens eine Arbeitsleistung oder das Resultat einer solchen. Das Wiederbewußtwerden einer Wahrnehmung, überhaupt eines psychischen Eindrucks muß ebenfalls dasMesultat einer Arbeitsleistung sein. Unterziehen wir die Leistungen des Gedächtnisses einer Prüfung, so erkennen wir, daß sie sich unter drei Formen, lals eine Aneignung, ein Beharren und eine Erneuerunng eines psychischen Vorgangs zeigen. Diese drei Thätigkeiten sind aber nicht als getrennte Funktionen aufzufassen, sondern die einheitliche Kraft des psychischen Organismus ist, Eindrücke sich in solchemGrade anzueignen, daß sie in ihm beharren und von ihm im Bewußtsein erneuert werden können. Jedoch nicht jede Erneuerung eines Seelenvorgangs ist ein Akt des Gedächtnisses. Wir haben vielmehr folgende Fälle zu unterscheiden. Wenn ich einen Gegenstand mit den Augen sehe, so entsteht in mir ein Bild dieses Gegenstandes — das Anschauungsbild. Wenn ich ihn auf's neue wahrnehme, so erneuert sich in mir das Anschauungsbild, doch muß hierbei noch kein Gedächtnisakt stattfinden. Denn erst dann, wenn mir der Gegenstand bekannt erscheint, war das Gedächtnis thätig. Die Ursache, daß der auf's neue gesehene Gegenstand uns bekannt erscheint, liegt darin, daß bei der vorangegangenen Wahrnehmung eine Aneignung des Wahrgenommenen seitens des psychischen Organismus stattgefunden hat, so daß nun ein Erinnerungsbild entstand, als ich den Gegenstand zum zweiten Male wahrnahm. Das Erinnerungsbild ist nicht eine Anschauung, sondern eine Vorstellung. Die Vorstellung entsteht, wenn ich mir ein Bild von einem Gegenstand machen kann, auch wenn ich ihn nicht mehr mit den Augen wahrnehme. Somit ist die Erzeugung der Vorstellung bereits ein Akt des Gedächtnisses, denn der erste Eindruck hinterließ eine solche Wirkung auf die Träger der Seelenthätigkeit, daß diese die Elemente des Wahr-