Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1884
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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— 19 — oder Edler ausländische Worte ohne Bedürfniß in die Sprache mischt, so entgilt er's, sind's nur wenige, durch die Stirnrunzel (— Zeichen des Verdrusses), sind's aber viele, so trägt er den Hund." (Er muß zwei einheimische Folianten 100 Schritte tragen). „Mischt ein Knecht ein, es seien dann viel oder wenig Wörter, so büßt er's durch das Hohngelüchter, und wird er noch einmal betreten, durch den Sattel." (Er muß vier ausländische Folianten 1000 Schritte tragen). Daß Lessing (1729—1781) gegen die unnötige Sprachmengerei war, folgt zunächst daraus, daß er im 44. Litteraturbrief es lobend hervorhebt, daß Logau das, was er deutsch ausdrücken konnte, mit keinem lateinischen oder französischen Worte ausdrückte und verschiedene aus anderen Sprachen entlehnte Kunstwörter übersetzt hat; ferner daraus, daß er Wieland wegen seiner buntscheckigen Sprache tadelt; im 14. Litteraturbrief sagt er von ihm: „Er verlernt seine Sprache in der Schweiz. Nicht bloß das Genie derselben und den ihr eigentümlichen Schwung, er muß sogar eine beträchtliche Anzahl von Worten vergessen haben. Denn alle Augenblicke läßt er seinen Leser über ein französisches Wort stolpern." Die Fremdwörter endlich, die Lessing selbst gebraucht, sind fast nur Kunstausdrücke.*) Leicht ließen sich noch ein Dutzend anderer Männer nennen, die alle die Mißhandlung der Muttersprache verurteilten und durch ihr Beispiel — soweit sie nicht als Gelehrte für Gelehrte schrieben — segensreich zu wirken bestrebt waren; doch es mögen die genannten genügen. Am unverdrossensten und am erfolgreichsten hat um die Wende des Jahrhunderts I. H. Campe (1746—1818), der bekannte Pädagoge und Jugendschriftsteller, der Bearbeiter des Robinson Crusoe, den Kampf gegen die Fremdwörter geführt. Nachdrücklich hat er auf das Schmachvolle der Bettelei aus anderen Sprachen hingewiesen, hat den Weg gezeigt, wie die undeutschen Wörter hinausgeworfen werden und durch teils vorhandene, teils von ihm selbst gebildete neue ersetzt werden könnten. Die hierbei zu befolgenden Grundsätze hat er entwickelt in der Schrift: „Grundsätze, Regeln und Grenzen der Verdeutschung, eine von dem königlichen Gelehrtenverein (— Akademie) zu Berlin gekrönte Preisschrift." Die Akademie der Wissenschaften hatte nämlich 1794 die Preisfrage gestellt: „Ist vollkommene Reinigkeit einer Sprache überhaupt und besonders der deutschen möglich und notwendig?" Diese Preisschrift findet sich abgedruckt in seinem bereits erwähnten Wörterbuch; auf sie näher einzugehen, würde zu weit führen. Doch hat Campe einen solchen Einfluß auf die hervorragendsten Schriftsteller seiner Zeit geübt, und die Abhandlnng enthält so viel Beherzigenswertes, daß es gestattet sein mag kurz daraus zu erwähnen, auf welchen Gebieten er Sprachreinheit wünscht und welche Fremdwörter er verbannen will. I. Verdrängung der Fremdwörter, also reines, allen verständliches Deutsch hält er für notwendig 1. in der gesamten Sitten- und Tugendlehre (Ethik); 2. in der eigentlichen Gotteslehre (Religion), abgesehen von dem, was zur Gottesgelehrtheit gehört; 3. in der Rechtssprache, der der Gesetze, der Gerichtshöfe, der Landesverordnungen und der öffentlichen Staatsverhandlungen; 4. in denjenigen Teilen der Vernunftwissenschaft (Philosophie), die allgemein- oder volksverständlich gemacht werden können oder sollten, z. B. der Erfahrungsseelenlehre (empirische Psychologie), der angewandten Denkkunst (Logik), dem Naturrecht und der ganzen Sittenweisheit; 5. in der Größenlehre, der Naturlehre, der Naturbeschreibung und der Scheidekunst (Chemie); 6. in denjenigen Teilen der Arzneiwissenschaft, welche jedem Menschen nützlich werden *) Vgl. Über die Fremdwörter bei den Klassikern I. Kehrein, Fremdwörterbuch, S. Vi.