Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1884
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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- 4 — Interessen ist faktisch bankerott geworden" (Bd. 1, S. 59.); „das Aggregat der divergierendsten Persönlichkeiten und Interessen constituierte sich jetzt zu einer Kammer, in der die Legitimität und Stabilität gegen die Impulse der socialen und politischen Reformation Front machte und mit allen Prärogativen eines dynastischen Centrums die Initiative ergriff" (Bd. 2, S. 334). Damit verglichen erscheint es ja wie reines Deutsch, wenn ich in einer Zeitung, die sonst im Gebrauch von Fremdwörtern sehr maßvoll ist (die Tägl. Rundschau, hersg. v. Bodenstedt), Sätze lese, wie die folgenden. „Spannende, romanhafte Geschichten, etwas Klatsch, das goutirt das Londoner Publikum, trotz des Schaumäntelchens steifer Reserve, in das es sich so gern drapirte, am meisten." „Er gilt ihnen mehr als der Farceur und Fansaron des Bonapartismus, denn als Staatsmann und Prätendent, und längst haben sich alle Capacitäten des letzteren von ihm abgewendet, weil sie wissen, daß er nur die Karikatur des Kaiserreichs der Zukunft darstellt." „Er hat denn auch in taktvoller Feinfühligkeit beschlossen, die Veranstalter der Demonstration zu desavouiren, um damit zu zeigen, daß er sich nicht zu ihrer Marionette machen will." Taktvolle Feinfühligkeit? Takt heißt ja Feingefühl! Was heißt also taktvolle Feinfühligkeit? Doch von solchen Blüten später mehr. „Welches also die primäre Todesursache gewesen, nori li^ust; und so leidet das Endkapitel dieses kleinen Romans an einer Lakune." — „Die Affaire Thibaudin bildet die pitzos <Zs reLiLtaueö des Tagesmenu." — In einer an das große Publikum gerichteten Erklärung sagte vor kurzem ein wohlbekannter und geschätzter Schriftsteller: „Herr H. hat sich mir gegenüber gut und schön in den Mantel intellektueller und sittlicher Ueberlegenheit drapiren: im vorliegenden Falle ist mit dergleichen Posen absolut nichts ausgerichtet .... In keinem Falle werden wir Schriftsteller und Publizisten erst bei einem unmotivirten intellektuellen Suprematsdünkel der H.'schen Notwehr uns die Erlaubnis erbitten." Ein Theaterkritiker bespricht in der genannten Tägl. Rundschau das neueste Stück (Probepseil) und bietet hierbei durchschnittlich in zwei Zeilen ein Fremdwort, ist also in dieser Beziehung ziemlich maßvoll, und dennoch, wie viele sind derer, die nicht in Verlegenheit kommen, wenn sie auf Wörter stoßen wie etwa folgende: eine romantisches Faible, Sympathie (—Zuneigung), Organismus, fascinirender Bann, geistreiche Pikanterie, eine jener Kraväes äames, mit feinem Sarkasmus, Jntriguenkunst, raffinirte Ränke, Minenkrieg, Aktion, der elegante Witz der Pointen, die geistreiche Facettirung (bei Heyse noch nicht zu finden!) der Gedanken, Jndividualisirung durch prägnante Charakterzüge, widerstreitende Intentionen, und Interessen, amüsanter Wettkampf, Peripetie, Problem, affectirt-süßlich, manierirt, Autor, Coup, Motivirung, Resignation, Liaison, chargirt, pointirt . .? Ist es nicht, als wenn der Verfasser (Autor!) sich einbildete lauter Leser zu haben, die auf Hochschulen gebildet sind? Ich bin überzeugt, eine so mit Fremdwörtern gespickte öffentliche Besprechung verfehlt bei den meisten Zeitungslesern eben dadurch ihren eigentlichen Zweck, nämlich den, ihr Urteil und ihren Geschmack zu bilden. So mag der Professor auf dem Lehrstuhl — wenn er will — zu seiner mit Gymnasialbildung ausgestatteten Zuhörerschaft reden; einer, der durch -die Zeitung das Publikum bilden will, darf es nicht. Diese wenigen Beispiele, die ich mit Absicht nur der Zeitung entnommen habe, weil ja gerade diese für größere Kreise bestimmt ist und sich möglichst viele Abnehmer wünscht, sind wie gesagt verhältnismäßig rein deutsch, und dennoch: wie viele giebt es wohl, die nicht schon bei diesen zu einem Fremdwörterbuche greifen müßten? Und wie mit den Zeitungen, so geht es mit Büchern, Bekanntmachungen und Erlassen u. s. w. Aber — hat das Volk kein Recht, daß es alles verstehe? daß ihm Zeitungen, Erlasse der Richter, die Bücher und dgl. in möglichst rein deutscher