Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Dichter und Schriftsteller Bildungsmittel besitzen, die durch die Schönheit, ja durch den bezaubernden Reiz ber Sprache, durch Wahrheit und Tiefe der Empfindung und durch Hoheit der Gedanken hinter den Schöpfungen des klassischen Altertums nicht zurückstehen. EntWickelung und Fortschritt der deutschen Geistesbildung werden immer die Wege zu verfolgen haben, welche unsere großen Dichter und Denker in dem Zeitalter Kants, welche Lessing, Herder, Goethe und Schiller gewiesen haben. An diesen reinen und ewig frischen Quell haben wir die heranwachsende Jugend zu führen. Von den unteren Klassen an soll ihnen das Beste, was in deutscher Sprache geschrieben ist, vorgeführt, ihrem Verständnis nahe gebracht, ihnen zu eigen gemacht werden, bis ihnen fortschreitend an den mit pädagogischem Takt ausgewühlten großen Meisterwerken das Verständnis unserer klassischen Literatur sich erschließt. So mehrt sich ihnm von Jahr zu Jahr die Freude an dem Wohllaut und der Schönheit unserer deutschen Muttersprache, die edelsten Empfindungen werden in ihnen geweckt und gekräftigt, mehr und mehr bereichern sie sich mit einer Fülle edler Gedanken, bis dann in der Epoche, wo in der heranwachsenden Jugend aus den unergründlichen Tiefen dec Seele die Elemente erkennbar hervortreten, welche die Individualität konstituieren, alles dieses mitwirkend die Lebensanschauung bestimmt und Bildungsinteresse erzeugt. Neben dem deutschen Unterricht steht der Religionsuntericht, ihn überragend an sittigender, erhebender, über das Irdische hinausreichender Macht. Er gründet sich auf die heilige Schrift. Kein anderes Lehrbuch liegt dem Religionsunterricht zu Grunde, als die Bibel selbst in einer das Original möglichst treu wiedergebenden., in ihrer Vollständigkeit nur durch die Rücksicht auf die Jugend eingeschränkten deutschen Übersetzung.*) Von den biblischen Erzählungen geht der Unterricht aus. Die Welt der Bibel wird den Kindern durch diese Erzählungen erschlossen. Indem sie dann von Stufe zu Stufe immer wieder in denselben Kreis hineingeführt werden, sollen sich ihnen mit zunehmender Reife die Kenntnisse erweitern, das Verständnis vertiefen, so daß sie heimisch werden in dieser Welt voller Realität und voller Ideale zugleich. Das an die Bibel sich anschließende jüdische Schriftentum wird für diesen Zweck verwertet, wichtige Stellen werden im Urtext gelesen, damit das Bibelwort in seiner Ursprünglichkeit erfaßt werde und mit seiner ursprünglichen Kraft die Seele ergreife. Auf diese Weise werden die erhabenen Lehren und Gebote der Religion und die Vorschriften des Sittengesetzes, die den Menschen durch das ganze Leben leiten sollen, aus der Urquelle geschöpft und an den Worten der Schrift entwickelt, der nach dem Höheren verlangenden Seele des Kindes nahe gebracht. Man spricht mit Recht von der den vollendeten Schriftwerken des griechischen und römischen Altertums innewohnenden bildenden Kraft, von der wertvollen Grundlage der idealen Bildung, die durch das Einleben in jene ferne Welt gewonnen wird, welche die Homerischen Gesänge vor uns ausbreiten, von der läuternden, erhebenden Macht der Sophokleischen Tragödien, von der hinreißenden Gewalt der großen Redner des griechischen und römischen Altertums. Aber wer von den Dichtern und Rednern des Altertums kann an Tiefe der Gedanken, an Hoheit und Adel der Gesinnung, an ernster, erhabener Auffassung alles Göttlichen und Menschlichen mit den Propheten und Dichtern Israels verglichen werden! Schon von literarischem Standpunkte aus muß man sagen: es gibt in der Bibel Erzählungen und Schilderungen, die als das Schönste bezeichnet werden müssen, was je geschrieben worden ist, und gewiß ist: es gibt kein Literaturwerk, welches den Erzeugnissen des jüdischen Geistes gleich- ^) Die „Kleine Schul- und Haus-Bibel von vr. Jakob Auerbach" ist ein noch nicht hinreichend gewürdigtes Buch, dem in Schule und Haus die weiteste Verbreitung gewünscht werden muß. L