Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ausgebildet wird und daß dabei, namentlich beim naturhistorischen Unterricht Gemüt und Phantasie nicht leer auszugehen brauchen, liegt in der Natur der Unterrichtsgegenstände selbst. So wenig man hier lediglich auf die Überlieferung von Kenntnissen ausgeht, so wenig kommt es in den technischen Fächern etwa blos auf das Beibringen von Fertigkeiten an. Allerdings sollen die Schüler sich vor allem eine deutliche und gefällige Handschrift und eine Fertigkeit im Zeichnen aneignen; sie sollen gut singen lernen und gewandt turnen. Aber all dieser Unterricht ist dabei doch so zu handhaben, daß er. ohne daß etwa dotierend darauf hingewiesen werden darf, eine erziehliche Macht ausübt. Abgesehen von Gehorsam, Zucht, Unterordnung, die hier wie bei allem Schulunterricht obenan stehen, ist bei dem Schreibunterricht das genaue Hinblicken auf die Vorschrift, der Zwang, sie zu beachten, in unablässigem Bemühen ihr entsprechend zu thun, jedem einzelnen Buchstaben wie einem Individuum in der ihm eigenen Form das ihm gebührende Recht zu geben, — das Sehenlernen, die Übung des Augenmaßes, der Formsmn, das Erschließen der Welt der Kunstschöpfungen durch den Zeichenunterricht; das Hörenlemen, das Gefallen an Wohllaut und Harmonie, das vertiefte Verständnis der Poesie durch den Gesangunterricht; — die Stählung, Erhöhung und der mutige Gebrauch der Körperkraft, die freie Verfügung über dieselbe und ihre Beherrschung durch den Turnunterricht: das alles sind erziehende Momente des technischen Unterrichts von unschätzbarem Wert. Aber ganz naturgemäß treten doch in einer allgemeinen Bildungsanstalt diejenigen Unterrichtsgebiete in den Vordergrund, die auf Verstand, Gemüt und Phantasie zugleich einwirken, die den ganzen Menschen ergreifen; das sind die sprachlich-ethischen Fächer und in ihrem Mittelpunkt die Muttersprache. Ist unser Thun darauf gerichtet, daß unsere Schüler klar, gründlich und zusammenhängend denken lernen, so wirkt ja aller Unterricht mit darauf hin; zum Ausdruck aber kommt die erlangte Fähigkeit auf jeder Stufe des Unterrichts in unserer deutschen Muttersprache. In ihr beginnt aller Schulunterricht und in dem klaren, sachlichen, richtigen und gewandten mündlichen und schriftlichen Gedankenausdruck in der Muttersprache gipfelt seine Leistung. Sie herrscht in jeder Unterrichtsstunde und jeder Unterricht dient ihr. Von unten an wird darauf gesehen, daß die Schüler genau artikulieren, deutlich, vernehmlich und in ganzen Sätzen antworten. Unausgesetzt muß in jeder Stunde auf richtiges Sprechen geachtet werden. Das Wiedererzählen einer vorerzählten biblischen oder profanen Geschichte, die zusammenhängende Beschreibung des Laufes eines Flusses von der Quelle bis zur Mündung, die Schilderung eines Naturgegenstandes nach allen seinen wesentlichen, unterscheidenden Merkmalen, die Darlegung eines durch Experimente veranschaulichten Naturgesetzes, der Vortrag eines mathematischen Lehrsatzes und seines Beweises, die korrekte mündliche und schriftliche Übersetzung aus einer fremden Sprache u. s. w. Leistungen, die in den betreffenden Unterrichtsstunden verlangt werden müssen, dienen zugleich dem deutschen Unterrichte. Wenn überall unermüdlich nicht blos auf deutliches, richtiges Sprechen, sondern auch auf die Abstellung übler Gewohnheiten gesehen wird, z. B. daß nicht immer jedem Satz, jeder Aufnahme der Rede ein unartikulierter Verlegenheitslaut vorangehe; wenn streng darauf gehalten wird, daß der Schüler nicht jeden Satz, nachdem er die ersten Worte gesprochen, von neuem und immer wieder anfange und stotternd zu Ende bringe, sondern wenn er mit allerstrengster Zucht daran gewöhnt wird, die begonnene Rede ohne Unterbrechung, selbst mit falscher oder ungefüger Konstruktion zu Ende zu bringen, — und es ist unerläßliche Pflicht, überall darauf zu sehen, — so wird damit dem deutschen Unterrichte mehr als durch alle freien Schülervorträge in den oberen Klassen gedient. Wir haben unsere deutsche Muttersprache in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen, denn unsere Schule ist eben eine deutsche Schule. Und es ist ein Glück, daß wir in den Werken unserer großen