Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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II. Konzentration. Eine Vereinfachung des Lehrplanes wird zunächst durch eine zweckmäßige Aufeinanderfolge der Unterrichtsgegenstände erzielt. Der leitende Gedanke ist: Der Schüler soll erst in einem Anschauungskreise heimisch geworden sein, bevor er in einen neuen Kreis eingeführt wird. Früher wurde z. B. in unserer Schule schon im zweiten Schuljahre der französische Unterricht begonnen. Man ist mit recht davon zurückgekommen. Unsere Schüler und Schülerinnen werden in den drei ersten Schuljahren ausschließlich bei dem einfachsten Elementarunterricht im Deutschen, in der Religion, im Rechnen, in dem naturgeschichttichen und geographischen Anschauungsunterricht festgehalten und erst wenn sie drei Jahreskurse mit Erfolg absolviert haben, beginnt in der VI. Klasse der französische Unterricht. Durch drei Klassen und Jahre (für die weniger begabten oder unfleißigen Schüler, die nicht regelmäßig versetzt werden können, länger) bleibt dann das Französische mit einer ausgiebigen Stundenzahl die einzige fremde Sprache, mit welcher die Schüler beschäftigt werden. Erst in der III. Klasse tritt das Englische hinzu; es ist aber mit einer geringeren Stundenzahl bedacht und bleibt bis an das Ende der Schulzeit in zweiter Reihe, nicht etwa wegen seiner geringeren Wichtigkeit — da ihm ja vielmehr als einer Sprache von ungemein bildender Kraft mit einer unschätzbaren Literatur und weltumfassenden Bedeutung die größte Beachtung gebührt — sondern lediglich in Berücksichtigung des Hauptzweckes der Schule. Es ist eben innerhalb der gegebenen Kursusdauer und bei den sonstigen Aufgaben der Schule nicht möglich, in beiden fremden Sprachen in gleichem Umfange Sicherheit im Wissen und Können zu erzielen, darum bleibt das Hauptaugenmerk bis zuletzt auf diejenige fremde Sprache gerichtet, die von unten auf gelehrt wird. Ähnliche Rücksichten bestimmen die*Aufeinanderfolge der anderen Disciplmen. Erst nachdem im bürgerlichen Rechnen Grundlage und Übung gewonnen sind, tritt der mathematische Unterricht und wieder einen Jahreskursus später der Unterricht in der Physik ein. Vor der Physik tritt die Naturgeschichte zurück; die Mineralogie und Chemie treten erst in der II. Klasse ein und wechseln miteinander ab. Da, wo der fremdsprachliche Unterricht beginnt, wird die Stundenzahl für das Deutsche, wo die Mathematik beginnt, die Stundenzahl für das Rechnen verringert. Eine Konzentration wird ferner durch die Art der Verteilung des Unterrichtes unter die einzelnen Lehrer erstrebt. In der Vorschule gilt als Norm, daß ein Lehrer den Hauptunterricht und die weitaus größte Stundenzahl in einer Klasse haben muß und daß er, wenn möglich, mit seinen Schülern in die folgende Klasse aufsteigt, so daß diese zwei oder auch drei Jahre in den Hauptfächern von demselben Lehrer unterrichtet werden. Da liegt das Einigende, Sammelnde, Erziehende in der Person des Lehrers. Ist das ein Lehrer wie er sein soll; dem das in sich geschlossene Wesen des Kindes wie ein Rätsel entgegentritt, das sein Sinnen und Nachdenken herausfordert; dem an der Lernlust und dem Fragebedürfnis seiner Schüler die Lust an der Arbeit mit jedem Tage sich erneuert; der über dem Schüler niemals den Menschen im Kinde vergißt und der es für seine Aufgabe hält, gerade auch an den minder Begabten und an denen, welchen aus ihren häuslichen Verhältnissen Hemmnisse erwachsen, seine Kraft und seine Kunst zu bewähren; der wirkliche Fehler nachsichtslos straft und unermüdlich bekämpft; der aber durch all sein Thun die Kleinen mit stiller Macht an sich heranzieht, und dem im rechten Moment die Liebe das Wort verleiht, das in die Herzen seiner Schüler dringt, dann wird in der Vorschule ein guter Grund für die Zukunft gelegt.