Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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„ 4 — I. Mannigfaltigkeit der Unterrichtsgegenstände. Die Lehrpläne der einzelnen Schulgattungen, der Volksschulen, Mittelschulen, höheren Bürgerschulen, Realschulen, Gymnasien u. s. w. sind in Bezug auf die Lehrgegenstäude und das in denselben zu erreichende Ziel, im allgemeinen auch in Bezug auf die jedem Lehrgegenstande zuzuwendende wöchentliche Stundenzahl durch staatliche Anordnung festgestellt. Innerhalb der vorgezeichneten Ziele aber ist den Lehrer-Kollegien die Berücksichtigung lokaler Bedürfnisse und' die ungehinderte Verwertung ihrer pädagogischen Einsicht und Erfahrung für die Gestaltung des Unterrichts gestattet. In den Lehrer-Konferenzen gelangen diese zum Ausdruck. Neben den von dem gesamten Lehrer- Kollegium gepflogenen Verhandlungen finden Konferenzen über die einzelnen Unterrichtsgegenstände statt, zu welchen in der Regel nur die in den betreffenden Fächern unterrichtenden Lehrer sich vereinigen. In diesen Fachkonferenzen werden die Lehrpläne der einzelnen Lehrgegenstände von Zeit zu Zeit immer von neuem Gegenstand der Beratung, sowohl rücksichtlich des in den einzelnen Klassen zu erreichenden Zieles, als auch in Bezug auf das zu beobachtende Lehrverfahren. In den Protokollen dieser Fachkonferenzen, in den für dieselben abgefaßten Referaten einzelner Lebrer, endlich in den auf Grund solcher Vorarbeiten angefertigten ausgeführten Lehrplänen besitzt die Schule ein Material, welches eine jederzeit und zumal bei einem Lehrerwechsel unentbehrliche Richtschnur in Bezug auf Ziel und Methode darbietet, gleichzeitig aber zu immer erneuter Prüfung und zur Verwertung der bei dem Unterrichte gemachten Erfahrungen auffordert. Nicht diese ausgeführten Lehrpläne werden weiter nnten mitgeteilt, sondern es wird zumeist nur das Ziel angegeben, welches in den einzelnen Disciplinen auf jeder Unterrichtsstufe zu erreichen ist. Nicht gering ist die Zahl der Unterrichtsfächer, in welche unsere Schüler eingeführt werden und die sie innerhalb der gegebenen Kursusdauer bis zu einer mit Vorbedacht festgesetzten Grenze zu bewältigen haben. Das war in früherer Zeit in unserer Schule anders; da war bei gleicher Kursusdauer der Lehrplan einfacher. Von fremden Sprachen wurde nur das Französische gelehrt; dazu ist — freilich schon vor 40 Jahren — das Englische hinzugekommen. Der Lehrplan der Mathematik wurde erweitert und in dem naturwissenschaftlichen Unterricht gewann der physikalische Unterricht nach und nach eine größere Ausdehnung; die Mineralogie und Chemie wurden in den Lehrplan neu aufgenommen. Der Vorzug größerer Einfachheit, welchen der frühere Lehrplan vor dem jetzigen voraus hatte, ist nicht gering anzuschlagen. An sich ist ja schon einleuchtend, daß es besser ist auf einem begrenzten Gebiete gründliche Kennwisse zu haben, als vielerlei oberflächlich zu wissen. Der Deutsche z. B., der das Französische so gelernt hat, daß er die Sprache grammatisch richtig schreibt, spricht und einen französischen Autor mit Leichtigkeit versteht, hat doch, selbst ohne jede Kenntnis des Englischen, vor dem einen Vorzug, der in beiden fremden Sprachen unterrichtet ist, aber so oberflächlich, daß er weder in der einen noch in der andern heimisch ist. Faßt man nun gar den Zweck der Schule ins Auge, so erscheint ein mit vielen Unterrichtsfächern beladener Unterrichtsplan demselben gradezu hinderlich. Denn der Zweck der Schule ist gar nicht, eine möglichst große Summe für das Leben nützlicher Kenntnisse zu überliefern, sondern vielmehr in erster Reihe, die Schüler durch das Mittel des Unterrichts zu erziehen, ihre geistigen Anlagen zu entwickeln und zu kräftigen, sie zu klar und richtig denkenden, urteilsfähigen,