Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1879
- Date
- 1879-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
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— 37 — Der Unterricht ist so gehalten, daß er sich zunächst als mündliche Mittheilung aus der Bibel darstellt und die erforderliche Erklärung des Lehrers sich daran anschließt. Der Ton der Erzählung, der niemals ins Tändelnde herabsinkt oder sich in ähnliche Ungehörigkeiten verliert, ist durch die ächt kindliche und zugleich weihevolle Sprache der Bibel gegeben. Doch darf die geschickte Vermittelung mit der gewöhnlichen Sprache nicht fehlen. Die Weihe des biblischen Textes, die beim Lesen desselben und in der Rückerinnerung daran gefühlt wird, soll auch schon in den ersten Erzählungen herrschen. Eine der mehr oder weniger wörtlichen Übersetzung entnommene sogenannte Bibelsprache aber, die von dem Sprachgebrauche des Lebens völlig absticht und ihm gegenüber ganz fremdartig erscheint, muß ihres Eindrucks verfehlen und zur blosen Phrase werden. Ueber sogenannte Nutzanwendungen, die man der biblischen Geschichte anzuhängen pflegte, hat die Pädagogik längst abgeurtheilt. Die Lehren sind in der Geschichte selbst enthalten und stellen sich in ihr anschaulich dar. Indem diese die Phantasie anregt, das Gemüth ergreist und zuletzt auch den Verstand in Thätigkeit setzt, wirkt sie unmittelbar auf den Willen. Dabei ist aber nicht ausgeschlossen, daß wir vom Mittelpunkte der Geschichte aus (theils bei der ersten Erzählung, theils bei der Wiederholung) geeignete Hindeutungen geben. Wenn sich in der ganzen biblischen Geschichte das Walten der göttlichen Vorsehung offenbart, so darf auch die Erzählung nicht unterlassen, im rechten Augenblicke mit den Worten eines Psalms oder in anderer eindringlicher Weise dem frommen Gottvertrauen den Ausdruck zu geben. Ebenso wird der Unterricht die Haupteigenschaften biblischer Charaktere hervortreten lassen und einen Einblick in ihr Seelenleben zu vermitteln suchen, ohne den Faden der Geschichte zu verlassen oder sich in zerfasernde Auseinandersetzungen zu verirren. Durch Versetzen in das innere Leben jener Personen, die den Typus alles Menschlichen an sich tragen, halten wir dem Kinde den Spiegel vor, in welchem es Regungen der eigenen Seele erblicken mag. Wenn wir ihm von den Versuchungen erzählen, denen ein Menschenkind unierlegen ist oder widerstanden hat, hört es seine eigene Geschichte. Das Gebot Gottes, an richtiger Stelle und in richtiger Weise verkündet, findet seinen Widerhall in der laut werdenden Stimme des Gewissens. Das einzige Wort: Gottesfurcht, wenn es aus dem Herzen des Lehrers kommt, erweckt die heilige Scheu, die unaussprechliche Ahnung der göttlichen Weltordnung. Von manchen Stellen der h. S. gilt das Wort der alten Lehrer, wenn sie von einem Verse sagten, er rufe selbst uns zu, wir sollten ihn auslegen. Bibelsprüche, die in die Erzählung eingeflochten, manchmal auch ihr vorausgeschickt oder am Ende hinzugefügt werden, geben den besten Anhaltspunkt für die erforderlichen kurzen Erklärungen. Wo es angeht, werden die besonders hervorzuhebenden Worte (auch solche, die zur Erzählung selbst gehören) in der Ursprache angeführt. Einzelne Sprüche werden (am besten zunächst durch die mündliche Mittheilung) dem Gedächtnisse eingeprägt.^) Auch Stellen aus den Gebeten mögen Anwenduug finden und fromme Gedanken und Gefühle erwecken. Die Festzeiten bieten (außer der Reihe des gewöhnlichen Unterrichts) besonderen Anlaß zu kurzen Belehrungen und fruchtbaren Anregungen. Der Hauptzweck des auf der ersten Stufe vorherrschenden Unterrichts bleibt das Einleben des Kindes in die biblische Welt, welche die Heim- und Pflanzstätte der Religion ist, der Garten Eden mit dem Baume des Lebens. Aus dem unerschöpflich reichen und mannichfallig verschiedenen Inhalte der Bibel soll das Kind einzelne in sich abgeschlossene, aber lebensvolle Bilder in sich aufnehmen und damit vorahnend schon den Eindruck des Ganzen empfangen, dessen Theil sie sind. Der Lehrer, dem es nicht blos um die Mittheilung des Stoffes zu thnn ist, tritt mit gehobener Stimmung an jene einfachen, einzig in der Bibel sich sindenden Scenen heran, die bald durch ihre Lieblichkeit, bald durch ihren heiligen Ernst *) Siehe die betreffende Bemerkung beim Lehrplan des Unterrichtes im Hebräischen.