Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ueberhaupt hat sich der Umfang des Wissens, mit dem heute der Kaufmann, Fabrikant und Techniker ausgerüstet sein in.nß, ungemein vergrößert. Die große Steigerung unserer Verkehrsmittel hat dem internationalen Verkehr einen Aufschwung gegeben, der die Beherrschung der modernen Cultursprachen diesen Berufskreisen unentbehrlich macht. Diese Sprachen müssen wie die Naturwissenschaften, Gegenstand eines ausgiebigen Schulunterrichts sein. Das Gymnasium, soll es anders seinem idealen Beruf treu bleiben, kann dem mathematischnaturwissenschaftlichen so wenig wie dem modern-fremdsprachlichen Unterricht eine dem Bedürfniß der Gegenwart entsprechende- Stellung in seinem Lehrplane geben. Nicht blos müssen Hei ihm die klassischen Sprachen eine das Interesse der Schüler beherrschende Stellung einnehmen, es hat überhaupt auch bei der Auswahl der andern Lehrobjecte niemals zu fragen, ob dieselben im gewöhnlichen Sinne practisch verwerthbar, sondern nur ob sie allgemein bildend, ob sie fähig sind, idealen Sinn und wissenschaftliches Interesse in dem Schüler zu erzeugen und zu kräftigen. Das Gymnasium ist deshalb nicht die richtige Vorbereitungsschule für den kaufmännischen Beruf, es findet seine natürliche Fortsetzung in der Universität, nicht in dem kaufmännischen Büreau oder in der technischen Werkstätte. Die Realschulen sind die Schulen, in denen sich die Forderungen des practischen Lebens Geltung verschafft haben. Es war eine Reaction gegen die dem Leben abgewandte Richtung der Gymnasien, unterstützt von einer dem Zuge der Zeit folgenden, auf Beobachtung der Natur und der in ihr wirkenden Kräfte, auf Betrachtung der Wirklichkeit, auf das Hervorheben practisch nützlicher Kenntnisse hinweisenden Richtung in der Pädagogik, welche schon im Anfange des vorigen Jahrhunderts zur Gründung von Realschulen führte. Aber erst in unserm Jahrhundert hat das sich immer steigernde Bedürfniß die Zahl derselben vermehrt, die in rascher Zunahme begriffen gewiß in nicht serner Zeit die der Gymnasien übertreffen dürfte. Alle jene bürgerlichen Kreise, für deren Beruf die in der gehobenen Volksschule zu erwerbende Bildung nicht ausreicht, Universitätsstudien aber nicht erforderlich sind, sind auf diese Schulen angewiesen. Sie sind und werden immer mehr die Schulen für den gebildeten Bürgerstand. In dem Maße aber wie diese Schulen für die nationale Bildung wichtig sind, ist ihre Organisation, die Einrichtung ihres Lehrplanes, die Bestimmung ihrer Cursusdauer wegen der mannigfachen Ansprüche, denen sie zu genügen, wegen der Rücksichten, die sie zu beachten haben, schwierig. Das Gymnasium hat in der Hauptsache seine festen Traditionen, bei der Realschule ist Alles noch im Fluß und im Werden begriffen. Der Kreis ihrer Unterrichtsobjecte ist noch nicht begrenzt, für die Methode ihrer Behandlung sind feste Grundsätze noch nicht gewonnen, über ihre Cursusdauer und das Bildungsziel, das sie zu erreichen haben, herrscht noch keine Uebereinstimmung. Beobachtet man, wie diese Schulen sich gestaltet haben, so kann man Folgendes wahrnehmen. Dort, wo die Realschulen, ohne jede Beeinflussung Seitens der Regierung, lediglich bemüht waren den Bildungsbedürfnissen des höheren Bürgerstandes zu dienen, haben sie den lateinischen Unterricht nicht in ihren Lehrplan aufgenommen/') Dort aber, wo der Staat durch die Bedingungen, *) Hier in Frankfurt z. V. hat es bis zum Jahre 1869, obwohl die Stadt damals schon nahezu 100,000 Einwohner hatte, neben einem einzigen Gymnasium, das damals nur^von 212 Schülern besucht wurde, fünf stark besuchte Real- und höhere Bürgerschulen und einige Privatinstitute mit gleichen Bildungszielen gegeben, in keiner wurde lateinisch unterrichtet.