Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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- Cicero 1× ep/1024888
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Im Mittelalter war die römische Kirche die Trägerin des geistigen Lebens. Auf dem Boden des römischen Staates erwachsen, hatte sie früh einen tiefen, innern Zusammenhang mit dem Römerthume gewonnen. Indem sie die germanischen und romanischen Nationen in ihrem Schooße vereinigte und als in ihrem Gefolge auch das römische Recht in immer weitere Kreise eindrang und zur Herrschaft gelangte, erhielt in dem weltlich-geistlichen Staate, der sich so herausbildete, die lateinische Sprache eine universelle, herrschende Bedeutung: sie wurde die Sprache der Kirche und des Staates. Lateinisch waren die Kirchengesänge, die Gebete, lateinisch die Correspondenz der geistlichen «nd weltlicheil Herrscher, lateinisch waren die Urkunden und Contracte für alle Zweige des Geschäftslebens. Der Unterricht im Abfassen von lateinischen Urkunden und Briefen bildete deshalb einen wichtigen Zweig des Schulunterrichts. Wer zumal in den Dienst der Kirche oder des Staates eintreten wollte, für den war die Kenntniß des Lateinischen eine unerläßliche Bedingung. Man lernte also im Mittelalter das Lateinische nicht wie eine todte, sondern wie eine lebende Sprache, nicht aus wissenschaftlichen, sondern wesentlich aus praktischen Gründen, und man betonte beim Lernen so sehr die praktische Fertigkeit, daß man die Kenntniß der Grammatik darüber vernachlässigte und die Sprache selbst zu einem von der klassischen Laünität vielfach sehr abweichenden Idiom fortentwickelte. Als in dem späteren Mittelalter mit dem Hervortreten der nationalen Besonderheiten im staatlichen Leben, in Sprache, Literatur und Kunst die Einheit des mittelalterlichen Lebens durchbrochen wurde und eine Opposition gegen die Kirche und die scholastische Lehrweise sich erhob, verlor die lateinische Sprache ihre Bedeutung in keiner Weise. Vielmehr nahm das Studium derselben in der denkwürdigen Epoche der Renaissance einen neuen Aufschwung. Eifriger als früher betrieb man das Studium der Grammatik, vertiefte sich in die Lectüre der klassischen Autoren; man bemühte sich lateinisch zu sprechen und zu schreiben, aber nicht das Kirchenlatein, sondern die klassische Sprache Cicero's. Das geschah aber doch wesentlich nur in den Kreisen der Gelehrten. Im geschäftlichen Verkehr beginnen schon seit dem 13. Jahrhundert die Landessprachen sich Geltung zu verschaffen. Daß das gründliche Studium der lateinischen Sprache, freilich in Verbindung mit dem Studium des Griechischen und Hebräischen, die Reformation der Kirche anbahnte, erhöhte natürlich nur den Eifer für dasselbe, gab ihm nur noch größere Verbreitung und begründete von Neuem seine Stellung in der Schule. Wie im 16. Jahrhundert die Reformation, so knüpfte sich im 18. Jahrhundert die Blüthe unserer nationalen Literatur an die klassisch-philologischen Studien. Den Griechen und Römern entlieh Klopstock die Form seiner erhabenen Dichtungen. In seiner philologischen Gelehrsamkeit und in seinem tiefen Verständniß der antiken Dichtung und Kunst fand Lessing den festen Standpunkt, von dem aus er dem Eindringen der französischen Art in unsere Poesie siegreich entgegentrat. Es ist, als ob die Vertiefung in den antiken Geist uns erst zu uns selbst zurückgeführt, uns erst zum vollen Herausleben unserer innersten Empfindungs- und Gedankenwelt erkräftigt hätte. Die höchste Vollendung erreicht unsere nationale Poesie in^ denjenigen Schöpfungen unserer größten Dichter, in welchen der deutsche und hellenische Geist sich am innigsten durchdringen. L