Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/9643684-3089710--0620-3090425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Än die Eltern unserer Schüler sind die folgenden Blätter gerichtet. Sie enthalten Erörterungen, die durch einzelne Anfragen aus ihren Kreisen hervorgerufen worden sind. Schulmännern sind die hier dargelegten Gedanken geläufig. Es ist aber gewiß nicht überflüssig, sie, in entsprechender Form und Begrenzung, auch denen nahe zu bringen, die im Hinblick auf ihre Söhne ein lebhaftes Interesse haben, sich über wichtige Schulfragen zu orientiren. So mögen sie von diesen freundlich empfangen und gelesen werden. Warum wird in unserer Schule die lateinische Sprache nicht gelehrt? Ist sie denn in Wahrheit nicht ein so wichtiges Bildungsmittel wie vielfach behauptet wird? Andere hiesige Schulen haben sie neuerdings in ihren Unterrichtsplan aufgenommen und es ist ihnen dadurch ein höherer Rang zuerkannt worden; wir bleiben auf unserm alten Standpunkt und bleiben zurück. Ein Ehrgeiz, der die Sache fördert, und noch dazu die Sache der Bildung, ist doch berechtigt. Warum hat unsere Schulverwaltung nicht den Ehrgeiz, unserer Schule den Rang einer Realschule erster Ordnung zu verschaffen? Die Aufnahme des Lateinischen in den Unterrichtsplan würde auch sonst noch Vortheile bringen. Viel leichter wäre dann der Uebergang unserer Schüler in die Realschulen erster Ordnung, der ja nicht selten schon aus äußeren Veranlassungen, wie sie z. B. die Verlegung der Wohnung herbeiführt, nothwendig wird. Auch der Eintritt in die mittleren Klassen des Gymnasiums würde dadurch wesentlich erleichtert werden. Und gerade das ist jetzt zu berücksichtigen. Denn mehr als früher übergeben jetzt auch hier Eltern, die ihre Söhne dem Kaufmannsstande bestimmen, dieselben dem Gymnasium. Es steht ihnen nichts im Wege, sie mit der Versetzung " nach Ober-Secunda aus dem Gymnasium zu nehmen und in das Geschäft eintreten zu lassen. In derselben Frist also wie in unserer Realschule zweiter Ordnung und vielleicht noch früher, schon 6 Jahre nach ihrem Eintritt in Sexta, haben sie dann die Berechtigung zum einjährigen freiwilligen Militärdienst erworben und noch dazu griechisch und lateinisch gelernt, die unschätzbare Gymnasialbildung sich angeeignet. Ist bei so vielen wichtigen.Gründen, den alten Standpunkt zu verlassen, das Beharren auf demselben nicht etwa auf ungerechtfertigte und schädliche conservative Neigungen zurückzuführen? Es ist der Mühe Werth, der Sache näher zu treten. I. Die lateinische Sprache verdankt die hervorragende Stellung, welche sie von jeher als Unterrichtsgegenstand in unseren höheren Schulen einnimmt, dem praktischen Werth, welchen sie im Mittelalter in der Kirche, im Staat und für den internationalen Verkehr hatte, sodann der Bedeutung der philologischen Studien für den Fortschritt der Wissenschaft, ferner dem Einfluß des klassischen Alterthums auf die moderne Geistesbildung, endlich den weit verbreiteten Anschauungen über den Werth, der dieser Sprache als allgemeines Bildungsmittel inne wohnt. i*