Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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— 10 - treten und wurden daselbst die Mauern der Stadt und viele Bauten ohne jedwede Störung aufgeführt. Doch durch Esra wurde die in Palästina eingetretene Stagnation bald unterbrochen, da er durch feinen Eifer das Volk zu neuer Thatkraft, zu neuem Leben erweckte. Derselbe, von dem Priester Chilkija abstammend, hat sich in Babel, wo weil ohne Tempel und Opferdienst, strenger auf die Feier der Sabbate und Feste gedrungen und mehr Eifer auf das Studium des Gesetzes verwendet wurde, wo Gebet und Belehrung ihren belebenden erfrischenden Anfang in der jüdischen Gemeinde genommen, mit großem Erfolge der Erforschung der Lehre hingegeben und hatte alle Hohenpriester und Priester in der Kunde des Gesetzes weit hinter sich zurückgelassen. Er war ein Mann von hoher Einsicht, ein denkender Betrachter der jüdischen Vorzeit, Gegenwart und Zukunft, der, wie ein echter, von dem letzten Propheten Maleachi geschilderter Priester, in seinem Munde bewahrte das lebendige Wort der Lehre, und der darum auch, vermöge dieser seiner Erkenntnis recht dazu geeignet war, mit den vorhandenen Ueberresten des Alterthums und mit den übrig gebliebenen Schätzen des 'Nationalheiligthums einen dauernden grundlegenden Unterbau für den Aufbau des ganzen jüdischen Geisteslebens bis auf unsere Tage hinab zu schaffen. Er bahnte sich den Weg zum Könige Artaxerxes und war bei ihm bald zu so großer Gunst gelangt, daß er sich die Erlaubniß erwirken konnte, als Schreiber und Lehrer des göttlichen Gesetzes, versehen mit außerordentlichen Vollmachten, neue Ansiedler aus Babylon nach Judäa zu führen, und dort an die Spitze der Gemeinde zu treten und die Angelegenheiten derselben nach der Vorschrift des Gesetzes zu ordnen. Gewiß um die Heimkehrenden nicht abzuschrecken und vertrauend auf die Hilfe Gottes, verzichtete er auf ein königliches Geleite zu seinem Schutze. An ihn, den berühmten Schriftgelehrten, wandten sich nun die Nationalgesinnten in Palästina, die seine Ankunft zu dauerndem Aufenthalte in Jerusalem gewiß mit Freude und neuer Hoffnung erfüllt haben muß. Mit Schmerz und Trauer nahm er die Verheerungen wahr, die in der jüdischen Gemeinde durch die Verbindung mit den Heiden angerichtet wurden, und auf Anrathen eines Mannes aus dem Volke, mit Namen Sechanjah, beschloß er mit äußerster Strenge und Energie daran zu gehen, um dieses Uebel zu entwurzeln und alle diejenigen aus der jüdischen Gemeinschaft auszuschließen, die sich weigern sollten, seine Befehle zu vollführen. Wenn ein Mann von solch hoher Einsicht und solch tiefer Erkenntniß wie Esra, eine so harte, gar nicht durch das Gesetz zu begründende, zudem noch mit den Erfahrungen der Geschichte im Widerspruch stehende Maßregel mit aller möglichen Strenge durchzuführen beflissen war und ein großer Theil des Volkes sich ihm willig fügte, obgleich sie nichts weniger als eine völlige Durchbrechung der eng geknüpften Familienverhältnisse bedeutete, so muß er gewiß nur einem Gebote der Zeit und der Vernunft gehorcht haben, das Milde hier als Sünde verdammte, Strenge als Tugend befahl. Doch durch diese verfügten Anordnungen, die mit aller Consequenz durchgeführt wurden, lohte die alte Flamme des Hasses vom Neuen wieder auf. Nicht nur bei einem Theile der Juden muß diese Härte auf den äußersten Widerstand gestoßen sein, sondern die nächste Folge davon war, daß die heidnischen Proselyten und Samaritaner zur Gewalt griffen, um ihre Zugehörigkeit zum Judenthume sich zu erzwingen, die ihnen durch Esra mit solcher Entschiedenheit abgesprochen wurde. Die Mauern der Stadt Jerusalem wurden an vielen Seiten durchbrochen, viele Bauten zerstört und nur der Tempel, in