Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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- 9 — haben sie, um in Zukunft solchen nie enden wollenden gehässigen Angriffen von Seiten ihrer Feinde zu entgehen, sich mit ihnen häufiger verschwägert, um sich günstigere Verhältnisse zu verschaffen, wodurch sie freilich Gefahr liefen, völlig unter den Heiden und Samaritanern aufzugehen. Selbst Priester gingen Mischehen ein und haben sich über die Strenge des Gesetzes, besonders im Bezug auf die Ammoniten und Moabiten, hinausgesetzt. Ein großer Theil der judäischen Bevölkerung jedoch konnte sich mit einer solch milden Auffassung des Gesetzes nicht befreunden und hielt sich streng von jeder Verbindung mit den Heiden ferne, auch aus dem Grunde, weil die Reinheit der heiligen Sprache dadurch sehr gefährdet wurde. Neben den Samaritanern, welche vom groben Götzendienste weit entfernt waren, wohnten damals Nabatäer, ein Volk arabischer Herkunft, von denen uns noch im Talmud einzelne Sprachreste erhalten sind, Ammoniten und Moabiten, in Palästina. Das Heidenthum war durch Geschem den Araber und durch Tobia den Ammoniten vertreten, welch letzterer in verwandtschaftlicher Beziehung zu angesehenen und einflußreichen jüdischen Familien stand. Er selbst nämlich hatte aus dein angesehenen Hause Arach eine Tochter zur Frau, und Meschullam, Sohn Berechjah's, ein geachteter Mann, nahm keinen Anstand, seine Tochter dem Sohne des Tobia zur Frau zu geben. An der Spitze der Samaritaner stand Sanballat von Bet-Horon, dessen Tochter Nikaso nebst Manasse, dem Sohne des Hohenpriesters Jojada, mit Grund und Anlaß dazu gewesen, daß die Samaritaner, später ganz losgetrennt vom Judenthume, als selbständige Sekte aufgetreten sind. Was übrigens die Frage der Mischehen betrifft, so ist es bemerkenswerth, daß Mose eine kuschitische Frau gehabt, daß Zipporah die Tochter des Heidenpriesters Jethro aus Midjan gewesen, und daß sogar im Pentateuche Mirjam als deswegen bestraft bezeichnet wird, weil sie sich darob tadelnd über ihren Bruder ausgesprochen hatte. Auch die vielen Beispiele aus der Geschichte des Volkes sprachen für die Anschauung, daß Mischehen nicht unzulässig seien. Ruth war eine Proselytin, die dem Judenthume zur Ehre gereichte und auf welche die Abstammung aller Könige von Inda zurückgeführt wurde. Das jüdische Volk war damals in einer mächtigen Gährung begriffen, aus der einerseits der Pharisäismus, als dessen ersten und mächtigsten Vertreter man Esra bezeichnen kann, der, selbst zum Geschlechte der Priester gehörend, dazu ausersehen und berufen war, die Macht derselben zu brechen, indem er für die Zukunft das Judenthum nicht auf das Priesterthum, sondern auf das Gelehrtenthum, nicht auf den blinden Glauben, sondern auf das lichte Wissen, nicht auf den todten Buchstaben, sondern auf den lebendigen Geist gründete und andererseits der Saddueaeismus und Samaritanismus hervorging, welche beide insofern sich glichen, als sie den entschiedensten Gegensatz zum Pharisaeismus bildeten. Die Wurzeln zu jenen Parteien, die nachmals in so strengen Gegensatz und in so heftigen Widerspruch zueinander traten, und während der verschiedensten Perioden der jüdischen Geschichte so schroff sich gegenüber standen, wurden damals in das noch lockere Erdreich des jüdischen Geisteslebens gesenkt. In der richtigen Erkenntniß und Erfassung der Bewegungen, die Israel um jene Zeit erfüllt haben, liegt der Schlüssel zum Verständniß der Geschichte des Judenthums, wie zu der der Entstehung des Christenthums, das aus seiner Mitte hervorgegangen ist. In Palästina waren jetzt durch die Vermischung mit den Heiden, unter Preisgebung der heiligsten Interessen des Judenthums, gewiß für den Augenblick günstigere Verhältnisse einge- 2