Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1875
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
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— 40 — in die Lehre in derselben. Auf diese Weise würden die Forderungen des Staates und die Wünsche der Eltern befriedigt und es läßt sich hoffen, daß die Anstalt eine günstige Aufnahme finden werde. Was die Mädchenschule betrifft, so verdienen folgende, auf Erfahrungen gegründete Bemerkungen berücksichtigt zu werden. Die Mädchen erhalten im Allgemeinen eine ihrem Berufe angemessenere Erziehung als die Knaben und lernen selbst unter den unbemittelten Ständen die unentbehrlichsten Kenntnisse. Manches Nützliche lernt das Mädchen im elterlichen Hause und kann es nur da lernen. Das Bedürfniß einer Schule ist daher nicht so groß und die Anzahl der Schülerinnen kleiner als die der Schüler. Diejenigen Eltern, welche Töchter in die Schule schicken, verlangen mit Recht, daß die Schule eine besondere Aufmersamkeit auf die Bildung der Sitten und des Charakters richte, was in der That bei Mädchen fast noch wichtiger als Kenntnisse ist. Zahlreiche, mit verwahrlosten und pöbelhaften Mädchen überfüllte Classen sind daher hier noch schädlicher als bei Knaben, da in solchen auf äußere Bildung wenig gewirkt werden kann. Was die Unbemittelten betrifft, so Pflegen die Eltern ihre Töchter schon im 11. oder 12. Jahre um Lohn arbeiten zu lassen. Diese weiblichen Arbeiten zu erlernen und zwar sehr wohlfeil und gründlich, ja besser, als es in der Schule geschehen kann, fehlt es gar nicht an Gelegenheit.' Der Unbemittelte bedarf also blos einer Anstalt, in welcher seine Töchter auch die anderen notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten wohlfeil erlernen können. Nach diesen Voraussetzungen würde folgende Einrichtung der Mädchenschule die Zweckmäßigste sein. Die Schule besteht aus 4 Classen (soviel haben wir jetzt, deren jede aus zwei Abtheilungen besteht), so daß jeder Lehrcursus wenigstens 2 Jahre dauert. Uel-erdies wird eine Volksschule mit 2 Abtheilungen und sehr geringem Schulgelde errichtet. Jede hat 18—20 wöchentliche Stunden, die eine Vormittags und die andere Nachmittags, so daß sie Zeit haben, die weiblichen Arbeiten außerhalb der Schule zu erlernen. Diese 2 Abtheilungen würden also nicht mehr als eine Classe kosten. Sollten es jedoch die Finanzen der Schule gestatten, so könnte in der Folge ein Frauenzimmer für die weiblichen Arbeiten angestellt werden. Vor der Hand aber scheint es nicht nothwendig zu sein. Durch diese Einrichtung läßt sich auch der Mädchenschule eine günstige Ausnahme versprechen Nach diesen in der Natur der Sache gegründeten Ansichten glaubte Unterzeichneter bei Entwerfung des demselben gnädigst ertheilten Auftrages zur Verfertigung eines Schnlplanes zu Werke gehen zu müssen, er hofft, daß seine Ideen die Billigung der Hochlvblichen OberschubCnratel erhalten werden. Unterzeichneter verharrt in tiefster Ergebenheit einer Hochlöblichen Oberschul-Curatel untertänigster Diener M. Heß, Oberlehrer am Philanthropin. Frankfurt, im März 1813. LeHrplan. Die Bürger- und Realschule der israelitischen Gemeinde hat den, allen solchen Anstalten gemeinschaftlichen Zweck, den Knaben und Mädchen zuvörderst die einem jeden Menschen als solchen und als Mitglied einer cultivirten menschlichen Gesellschaft notwendige Verstandes- und Herzensbildung zu geben, sodann aber dem Knaben die zu einem bürgerlichen Gewerbe, dem Mädchen aber die zu seiner Bestimmung als Gattin und Mutter erforderlichen und nützlichen Kenntnisse und Fertigkeiten beizubringen. Um diesen Zweck zu erreichen, ist es vor Allem unumgänglich nothwendig, die Kinder nach Alter, Anlagen und erlangten Kenntnissen in von einander abgesonderten Classen zu Verthellen, um Materie und Form des Unterrichts den Bedürfnissen und Begriffen jeder Classe anzupassen und alle zugleich beschäftigen zu können. Sollen aber nicht zu viel Abtheilungen in einer Classe entstehen und die Kräfte des Lehrers nicht zu sehr getheilt werden, so dürfen die Classen nicht zu zahlreich sein und die Lehrcursus nicht zu lange dauern.