Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1875
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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— 38 — für die Praxis ist die Praxis, und der Lehrling lernt seinen Beruf am Gründlichsten, indem er Hand anlegt. Dieses ist um so unbestreitbarer, daß z. B. mit allem dem, was der Handlungslehrling aus der Schule vom Buchhalten, Coursberechnen, Correspondenz, Waarenkunde zc. in das Comtoir zu bringen vermag, er sich seinem Principale nicht besser, wohl aber schlimmer als ein anderer empfehlen wird, der nicht wähnt und sich darauf zu Guth thut, von allem dem Practischen belehrt zu sein, was in den Kram des Principalen vieleicht gar von keinem Gebrauch sein kann; desto gründlicher aber im Schön- und Rechtschreiben, im Rechnen und anderen Elementarkenntnissen geübt ist, um davon die Anwendung im Comtoir machen zu können, was ihm zu seinem practischen Coursus und ferneren Fortkommen auf dieser Laufbahn dienen soll. Er wird leicht und willig in Kurzem süssen, was von ihm in dem Handlungszweig seines Principalen zu wissen und zu leisten angesonnen wird, weil er nicht von dem Wahn eingenommen ist, mit seiner vermeinten Schulweisheit klüger als sein in Geschäften gereifter Principal zu sein. Der Herr und der Diener werden sich dabei besser befinden! 11. Ist schon längst durch eine allgemeine Beleuchtung bestätigt, daß nichts die Fortschritte des Lernens mehr aushält, als wenn Vielerley mit Einmal angefangen wird. Die Anhäufung des Lehrmaterials an sich schon macht den Lehrling zaghaft, indem er sich die Arbeit noch weit schwieriger denket als sie vieleicht ist! Noch mehr aber muß er sich niedergeschlagen sühlen durch die langsame Fortschritte, die er in den mannigfaltigen Uebungen macht, in denen er sich versucht; während, wenn er mit seiner Kraft auf wenige Aufgaben concentrirt wird, in dem schnelleren Ueberwinden der Schwürigkeiten seine Kraft fühlt und die merklichen Fortschritte, die er zu machen im Stande ist, ihm Lust erwecken und ihn mit Muth zur Anstrengung und Vertrauen zu sich selbst für die folgenden schweren Aufgaben beleben! 12. Nach diesen Bemerkungen bestärkt sich recht die schon vorausgeschehene, daß der Anfang im Unterricht dreier Sprachen zugleich (und das schon mit der Ersten Klasse, sie werde auf 4 oder 6 Jahre bestimmt) nicht gebilligt werden könne! Sollen mehrere Elementen zugleich gebildet werden (und das muß hier der Fall sein), so dauert nothwendig der Elementarunterricht, sagt Niethammer (S. 259) sehr wahr, viel zu lange, indem jedem Uebungs-Gegenstand zu wenige Zeit gewidmet werden kann, um schnelle Fortschritte darin zu thun! Die Folge davon ist, daß entweder der Lehrling, der in keiner der Aufgaben einen rechten Fortgang sieht, in der That verdrieslich wird?c. oder der Lehrer, um diesem Uebel zuvorzukommen, eilt dem Elementarunterricht das Ende zu verschaffen, oder darüber hinweg zu eilen, wodurch der letzte Betrug ärger wird als der erste. Man kann vor diesem Versehen nicht oft und ernstlich genug warnen. Es liegt ohnehin nur zu sehr in unserem pädagogischen Zeitgeiste, nicht nur die nöthigen, sondern auch die unvermeidlichen Schwierigkeiten des Unterrichts zu beseitigen und alles zu umgehen, was dem Lehrling Unlust erregen könnte; und dieselbe Stimmung hat es zu einem allgemeinen Bestreben gemacht, alle wahre Elementarbildung zu verwerfen zc. Die Folge davon ist, daß ein guter Theil der Lehrlinge sich das ganze Leben hindurch mit den Elementen plagen muß, in den späteren Unterrichtsperioden, wo den wichtigsten Gegenständen die ganze Zeit gewidmet sein sollte, durch ein immerwährendes Zurückkehren zu Elementarpunkten unaufhörlich unterbrochen und gehindert ist zc., endlich werden noch 13. bei dem Mancherley der Unterrichts-Gegenständen, wesentliche Gegenstände vermißt werden. — Was ist z. B. dem Jüngling, der sich zum Kaufmann bildet, wichtiger von Geschichte als die Geschichte der Handlung? Welche Uebungen vom 6. Jahre des Kindes bis zum Alter des Jünglings sind durch alle Klassen der Schüler zweckmäßiger, als Gedächtnißübungen? Darüber gibt Niethammer vortreffliche Winke (S. 284—297), hier nur das:--Versäumt der Unterricht die Entwickelungs-Periode, in der das Gedächtnis die meiste Bildsamkeit hat, ohne von dieser entwickelten Geistesthätigkeit den möglichsten Vortheil zu ziehen, so ist für den Lehrling dieser Vortheil unwiederbringlich verloren zc. Das allerschlimmste aber ist, daß er nicht