Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1875
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9643684-3089704--0500-3090303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 22 — gebildet gewesen wäre, es gab in derselben auch Arme und die Zahl derjenigen, welche nur kümmerlich von ihrem Erwerbe lebten, war nicht gering, aber mit wenigen Ausnahmen war in Allen ein reges Vorwärtsstreben, ein Bildungsbedürfnis das dem des gebildeten. Mittelstandes entspricht 5). Diesem Bedürfnisse hatte das Philanthropin genügen müssen, dadurch hatte es seine Lebensfähigkeit zu bewähren, davon war bei der heilsamen Concurrenz, die das Sächsische Institut ihm machte, zur Zeit seine Existenz abhängig gewesen. Es war kein fertiger Lehrplan ihm entgegen gebracht worden, kein Reglement, das es einfach auszuführen gehabt hätte: der Regulator war das Vedürfniß. Nach dem Bedürfniß des gebildeten Mittelstandes wurde das Maß der von ihm zu vermittelnden Bildung festgestellt, nach dem Bedürfniß, wie es praktische Kaufleute verstanden, in denen mit der tiefen sittlichen Lebensauffassung, dem Erbe ihrer altjüdischen Erziehung, sich der humane Sinn der Aufklärungsepoche verband. Es waren einige ernste, edle, für humane deutsche Bildung begeisterte Kaufleute, im Verein mit einigen autodidaktisch gebildeten, rüstig an sich selbst und für die Schule arbeitenden Lehrern, Männer, die mit stets offenem Auge für das, was die Zeit forderte und ihren Schülern nöthig war, in Jahre langer ernster Arbeit die Schule den Forderungen des Lebens entsprechend zu gestalten, bemüht waren. Und es ist eine gewiß beachtenswerthe Thatsache, daß sich unter solchen Verhältnissen vor mehr als 60 Jahren hier eine Schulform entwickelt hat, die heute als den Bedürfnissen des gebildeten deutschen Bürgerstandes am meisten entsprechend, von Männern gefordert wird, welche, auf der Höhe der Wissenschast stehend, mit den reichsten pädagogischen Erfahrungen ausgestattet sind und denen die Bildung der deutschen Nation das ernsteste Anliegen ist^). Denn die Schule, zu der das Philanthropin sich entwickelt hatte, war wesentlich eine „Mittelschule", eine Schule mit (die sogenannte Vorschule eingerechnet) neun- bis zehnjähriger Cursusdauer, deren Lehrcursus also durchschnittlich mit dem 15. oder 16. Lebensjahre vollständig absolvirt werden kann, und der von den Vorstehern des Philanthropin der Ober-Schul- und Studien-Eommission eingereichte Lehrplan verlangte eine solche Schule für die israelitische Gemeinde. Die Schule, die man wollte, sollte keine Fachschule sein, die etwa bloß für den Kaufmannsstand vorbereitete. „Die allgemeine Bestimmung der Bürger- und Realschule", sagt Heß, „ist, die verschiedenen Seelenkräste des Lehrlings methodisch zu entwickeln und auszubilden und ihm zugleich die Sinne von Begriffen, Kenntnissen und Fertigkeiten beizubringen, die zur geschickten Führung des bürgerlichen Lebens nach dem gegenwärtigen Standpunkte der Civilisation erfordert werden; mit andern Worten — den Lehrling zu einem nach Vernunft handelnden und nützlichen Mitgliede der bürgerlichen Gesellschaft zu bilden^). *) Heß sagt in dem Programm unserer Schule vom Jahre 1614 S. 4: „Der größte Theil des Publikums, dem diese Anstalt zunächst gewidmet ist, strebt in der That — wir mögen es zu seinem Lobe sagen — nach einer solchen, nicht blos das Notdürftigste umsassenden Bildung, und selbst der minder Bemittelte scheut die bedeutenden Kosten nicht, wo es das Wohl seiner Kinder gilt. **) Fr. Hosmann, Ueber die Einrichtung öffentlicher Mittelschulen in Berlin. Bericht an den Magistrat. Berlin 1869. H. Bonitz, Zeitschr. für Gymnasien 1669. S. 497 ff. und die gegenwärtigen Reformfragen in unserm höheren Schulwesen im Februarheft 1875 der preußischen Jahrbücher. L. Wiese, Das höhere Schulwesen in Preußen, 1669-1674 S. 37. Darstellung der Bürger- und Realschule der israelitischen Gemeinde als Cinladungsschrist zur öffentl. Prüfung September 1614.— Auch darüber war sich Heß klar, daß die Zwecke, welchen die höhere Bürgerschule