Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1871
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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- 31 - die Abstufung und ihre Folgen nicht, die einen traurigen Lehrling, einen launigen Commis und endlich einen abgestumpften, für das Schöne wie abgestorbenen Kaufherrn macht. Systematisch und folgerecht wird Kunstwie Menschenliebe dem jungen Handlungsbeflissenen von seinen Vorgesetzten ausgetrieben und es liegt nicht an ihnen selbst, wenn man den Kaufleuten, größtentheils mit Recht, Hartherzigkeit, Geldliebe vorwirft. Und denkst Du wirklich, daß ich, wenn ich diese Stadien durchlaufen, noch Gedanken und Liebe für Wissenschaft übrig haben sollte, und ist es Dein Ernst, wenn Du der tiefen, würdigen Erforschung des menschlichen Geistes und seines Abglanzes, eine leere Jagdliebe zur Seite stellst? Ist Forstwissenschaft etwas anders als eine der Allgemeinheit zugewandte Landwirtschaft? — Und was ist es, warum Du Dein Auge zudrückst und blos Licht genug einlassest für die glänzenden Truggestalten, die verschwinden würden, wie Du den Blick der Wahrheit öffnetest? — Du siehst mich im Glanz und Reichthum meine Pflichten als Mensch, Bürger, Familienglied erfüllen. — Meine Commis sagen mir zwar jetzt, daß es mir sehr schwer fallen würde, in Frankfurt ein Sortimentsgeschäft zu errichten, wo es schon 21 Buchhändler gibt, aber ich will es gar nicht versuchen. Dir irgend Nachtheile und Schattenseiten des Buchhandels vorzuhalten, denn es fragt sich nicht, warum ich nicht Buchhändler, sondern warum ich nicht Philolog werde. Ich solle mich Prüfen, ob ich Buchhändler werden könne, sagst Du? Wenn ich mich genau Prüfe, so kann ich auch Korbflechter werden, aber Du begreifst, was ich vorziehe. Als Gegenstück führst Du mir mit vieler Wahrheit das Bild des Elendes eines schändlich und ohne Schuld vom Staate verlassenen Dorfschulmeisters vor. Du willst also durchaus mich zu überzeugen suchen, daß ich als Kaufmann nichts als Glück, als Gelehrter nichts als Unglück vor mir liegen habe. Aber ein Kaufmann kann durch eines betrügerischen Handelsfreundes Schuld um sein Vermögen gebracht werden, durch irgend einen Umstand (etwa die Confession, zu der er sich bekennt), die Gunst des Publikums verlieren oder nicht gewinnen, uud es ist um ihn geschehen. Von solchen Zufällen und Äußerlichkeiten ist der Gelehrte verschont und er braucht auf nichts zu bauen als auf sein Talent. Ich will Dir auch keineswegs verschweigen, was mir ein befreundeter Buchhändler auf meine Fragen verflossenen Donnerstag antwortete: Du wirst Privatdozent werden und wirst es lange bleiben müssen, wenn Du Dich nicht auszeichnest (und wenn ich mir schmeichle, dies ja zu thun? —), daß sie Dich aus der Mitte der andern hervorziehen und Dir einen Lehrstuhl anweisen. Bis dahin wird der Kreis Deiner Zuhörer klein sein und Du wirst von dem, was Dir Deine Vorlesungen einbringen, leben, und davon (— trotz der Aufregung, die hier der Kamps des innern mit dem äußern Geschick in mir hervorbrachte, konnte ich mich doch kaum eines Lächelns über den Stolz enthalten, mit dem er fortfuhr: —) was ihm die Buchhändler für etwaige Geistesprodukte z u - fließen lassen. — Aber alles, was er mir sagte, trifft eben so gut jeden Andern, wie mich, uud es ist nicht gesagt, daß ich nicht, wenn ich durch anhaltenden Fleiß, an dem es gewiß nicht fehlen wird, mein Talent benutze, eine Professorenstelle erlangen kann. Nun fragt es sich nur noch, ob die Mittel um dies zu erreichen wirklich so groß sind, wie Du sagst. Ob das so sei, will ich mich erkundigen, ehe ich dem Vater davon etwas sage, nicht aus Mangel an Vertrauen, sondern weil ich vor der Ueberlegung überhaupt nicht handeln will. Ich will deshalb keinen Vermittler, sondern blos einen Rathgeber, und ich glaube, daß mir darin besser der Herr vr. Eberz als der liebe Onkel A. rathen kann; erstens ist er näher hier und ich brauche nicht erst 14 Tage aus Antwort zu warten und zweitens wird ja wohl jener nm besten wissen, was sür Grund er hatte, mir das Studium voriges Jahr so anzuempfehlen. Lies also gef. den einliegenden Brief, und wenn Du meine Maßregeln billigst, so schicke ihn so schnell als möglich an seine Adresse. Die Antwort des Herrn vr. kannst Du denn auch, um Zeit zu sparen, gleich erbrechen, Mir sie aber dann mit dem, was Du davon hältst, unverzüglich zuschicken. Billigst Du aber das 'Ganze, oder einen Theil des Briefes nicht, so schreibe mir Deine Meinung, wenn ich bitten dars, ja sogleich; denn, wie ich vergessen habe Dir zu sagen, hat H. v. Z. ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, mir Frist gegeben, bis er aus der Cur (er war 3 Wochen krank) zurückkömmt, was etwa 4 Wochen