Mannheim
Compact Memory

Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1871-01-01 · 1871 · page 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1871
Date
1871-01-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9643684-3089698--0244-3090043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 30 — ich dachte, daß, was Schönes schaffe, auch schön und groß sein müsse und vergaß, daß es nicht des Goldes bedürfe, um die Erde zu düngen, die erquickende Früchte bringen soll. So glaubte ich, und fand mich getäuscht. Immer klarer trat mir der Gedanke vor die Seele, daß ich so nicht leben könne. Und wenn ich im Zimmer saß und registrirte oder sonst eine Arbeit that, von der man mir eine Viertelstunde später sagte, man hätte sie mir bloß gegeben, um mich zu beschäftigen — und draußen schien die Sonne so freundlich und Alles freute sich des Frühlings — da konnte ich es nicht länger aushalten und ich suchte die Straße unter irgend einem Vorwande. Warum, dachte ich, soll ich allein meines Frühlings nicht froh werden, warum soll ich die schönste Zeit meines Lebens traurig und trostlos verbringen, die Zeit, in der das Blut rascher durch die Adern strömt, wo Gott selbst zu sagen scheint: Thue, denn jetzt kannst Du noch thun!--wozu das Feuer verrauchen lassen, das sich, ach, nie wieder anfachen läßt!-- Und ich dachte an Euch, wie Ihr Euch in glückliche Tage träumtet, uns alle glücklich dachtet, im Frieden und in gegenseitiger Liebe und ich trug und — schwieg. Da ich öffentlich das Studium nicht fortsetzen konnte, so pflog ich es insgeheim, und als ich eine Lücke in der Literatur fand, die ich ausfüllen konnte, so fühlte ich mich berechtigt, verpflichtet, sie auszufüllen. Ich fing an, ein chaldäisches Wörterbuch zu schreiben, an dem ich noch arbeite. Ich ging noch weiter: ich hoffte, daß Ihr durch das Lob, das ich mir dovon versprach und verspreche, überzeugt werdet, daß ich eine bessere Bahn hätte wählen können. Da trat der Umstand ein, den Du kennst, und der Eure freudige Zuversicht auf kurze Zeit in bange Besorgniß, meine Traner aber hoffentlich für immer in Fröhlichkeit verwandeln wird. Als mir der Herr v. Zabern sagte, daß ich mich Euch entdecken und so mit einem Schlage das Glück zerstören sollte, das elterliche Sorgfalt und kindliche Liebe um uns geflochten, da war ich meiner selbst kaum mehr mächtig; es schwindelte mir und nicht viel fehlte, so wäre ich umgesunken. Als er weg war, wankte ich meinem Pulte zu und, wie um schnell einen Entschluß zu fassen und auszuführen, nahm ich mir gleich Papier. Die Glocke sagte mir, daß zwei Stunden seitdem verflossen waren, und es war noch leer. Sobald ich ruhiger geworden war, entschloß ich mich, den Brief zu schreiben, den Du gelesen hast. Von da an stiegen die tollsten Hoffnungen in meinem Kopfe auf; ich glaubte eine Antwort zu bekommen, die mir sagte, daß ich viel Kampf würde anwenden müssen, aber mir zugleich versprach, daß ich belohnt werden würde. Wer weiß, was ich alles hoffte? Ich war anfangs ganz aufgeregt und faßte alles, was ich that, mit einer wahren Wuth an; man hätte mir eher alles Andere, als innere Freude anzusehen geglaubt. Da kam der Brief der l. .... ., den ich mit Ungeduld erwartet hatte. Die eine Viertelstunde, die ich gebrauchte, ihn zu lesen, reichte hin, die Hoffnungen einer ganzen Woche zu vernichten; ich wußte nicht, was ich thun sollte, und all mein Muth war gesunken. Ich wollte den Brief dem H. v. Zabern zeigen, aber er ließ mich ihm bloß den Inhalt sagen. Dann sagte er mir vieles Schöne, das wahr, und vieles Wahre, das bitter war. Jetzt, nachdem ich ihn verlassen hatte, wich mein Schmerz den ersten Thränen, die ich seit jenem Abend geweint, wo ich, das Erstemal allein und in einer fremden Stadt wie verloren, eine düstere Zukunft vor mir zu sehen meinte. — Seitdem ist mir meine alte Ruhe zurückgekehrt und ich will zuerst Euren Brief kurz beantworten. Ich will mich bezwingen und die Sprache der kalten Ueberlegung annehmen, die Du mir, liebe....., in Deinem Briefe empfiehlst. Zuerst räthst Du mir, mich zu prüfen, und willst, daß die Prüfung zu Gunsten des Buchhandels ausfalle. Aber wie es einerseits Sünde gewesen wäre, Dir und der lieben Mutter Kummer zu verursachen, ohne daß sich durch reifliche Ueberlegung ergeben hätte, daß ich ihn nicht vermeiden kann, so finde ich auch andrerseits Deinen Schluß, wenn nicht falsch, doch übereilt. Du behauptest, daß ich als Buchhändler unfehlbar glücklich, oder richtiger — reich würde, während ich als Orientalist auf eine freudenreiche Zukunft keinen Anspruch machen könne. Du schilderst mir in's Einzelne das Glück eines wohlhabenden Kaufmanns, glaubst oder willst glauben, daß ich einst Kaufmann heißen und Gelehrter sein könne, und vergissest, daß ich das Talent verbannen muß, das sich nicht nach Wunsch zu dem wieder zurückrufen läßt, der es so schnöde verwies. Du kennst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.