Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1871
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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- 26 winn für das Leben davontrugen. Daneben schuf das Bedürfniß nach einer völlig freien Lehrtätigkeit Vereinigungen, in denen Geiger Jahre lang an Sabbathen den Pentateuch mit dem Commeniar Raschi's, dann auch Midrasch vortrug; etwas, das an eine altjüdische Sitte anknüpfte, nach welcher unabhängige, gelehrte Männer der Gemeinde Wißbegierige zu regelmäßigen Lehrstunden zu bereinigen pflegte». Es kostete nicht wenig Mühe, Geiger zu bewegen, dem nach dem Tode I. M. Jost's an ihn ergangenen Rufe, an unsere Schule zu folgen: er fürchtete, durch das Lehramt seine Studien, die er als seine eigentliche Lebensaufgabe betrachtete, allzusehr benachtheiligen zu müssen. Nachdem er aber einmal das Amt übernommen hatte, verstand es sich von selbst, daß er es gewissenhaft und hingebungsvoll verwaltete, daß er seine Pflichten nicht ängstlich abgrenzte, sondern das Ganze in's Auge faßte und die Interessen der Schule zu den seinigen machte. Denkt man an die Richtung und den Umfang der Studieu Geiger's, an seine Meisterschaft in der Handhabung des Wortes, an die Gewalt seiner Rede, ruft man sich ihn in die Erinnerung zurück, wie er ans dem Katheder stehend, ganz auf den zu behandelnden Gegenstand gerichtet, vor einem zahlreichen, gebildeten Kreise einen wissenschaftlichen Vortrag hielt: eine ihrer Sache gewisse, in sich ruhende Persönlichkeit, die edle Erscheinung eines wirklichen Gelehrten: so muß man sagen, daß nur etwa der Lehrstuhl einer Universität ihm einen entsprechenden Wirkungskreis geboten haben würde; den eben erst in das Jünglingsalter eintretenden Knaben, die er in unserer Schule zu unterrichten hatte, mußte, was seinen Geist unausgesetzt beschäftigte und seine Seele ganz erfüllte, billig fern bleiben. Aber der gelehrte Mann war in Wahrheit ein Freund der Jugend, er hatte früh begonnen und niemals ganz aufgehört, sie zu unterrichten, und so sah er sie gern auch auf den Schulbänken vor sich versammelt und gewann nach und nach die Schulthätigkeit so lieb, daß er, — zumal bei der großeu Vorliebe, die er für seine Vaterstadt hatte — einem etwa an ihn ergangenen Rufe an eine Universität wohl schwerlich gefolgt wäre. Geiger unterrichtete in unserer Schule hauptsächlich Hebräisch, biblische Geschichte, Deutsch uud mathematische Geographie. Der Schwerpunkt seines Unterrichtes war das Deutsche in den oberen Klassen. Für deu grammatischen. Theil dieses Unterrichtes, sowie für die mathematische Geographie hatte er sich kurze Compendien ausgearbeitet, die er, nachdem er das Einzelne verdeutlicht hatte, den Schülern zu dietiren pflegte; er dachte daran, sie als Manuscript drucken zu lassen. Mit seinen grammatischen Auseinandersetzungen wandte er sich mit großer Vorliebe an einzelne begabte Schüler; aber wie es ihm um die Förderung Aller zu thun war, so ließ er nicht selten Schüler zu sich nach Hause kommen, um ihnen, was ihnen unklar geblieben war, zum Verständniß zu bringen. Wenn er, nachdem ein Drama gelesen und erklärt war, es unternahm, einen ganzen Akt mit dem von der Tiefe des Verständnisses und der Empfindung durchgeistigten Wohllaut seiner Sprache selbst vorzulesen, so war das für seine Schüler eine Feststunde. -- Die Themata zu den deutscheu Aufsätzen waren von ihm oft über abstracte Gegenstände gewählt. Die Schüler sahen ihn dann wohl verblüfft an, wußten Anfangs nicht, was der gelehrte Mann wollte. Das forderte den Sokratcs, der in ihm steckte, heraus: es begann ein Fragen und ein Arbeiten, daß es — wieder für die begabten Schüler besonders — eine Lust war, Auseinandersetzungen folgten, die einen für die Zahl der jährlich zu liefernden Aufsätze zu großeu Raum einnahmen, die aber dann doch in umfangreichen, mit Liebe ausgearbeiteten, sorgfältig abgeschriebenen Aufsätzen ihren lohnenden Abschluß fanden und deu reichste» Segen brachten durch die Anregungen, welche die Schüler davontrugen.