Mannheim
Compact Memory

Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1871-01-01 · 1871 · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1871
Date
1871-01-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9643684-3089698--0236-3090035
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 22 - Die Sprache ein Uatmprsduct. Es ist bekannt, daß nicht nur die Sprachen gebildeter Völker eine solche Künstlichkeit und Gesetzmäßigkeit entwickeln, daß Vielmehr im Gegmtheile diejenigen der tiefer stehenden Mensch enstämme, sowie die des frühen Alterthums diese oft ganz besonders aufzuweisen haben. Während nun die Verbindung, welche zwischen der Sprache und dem Denken herrscht, insofern sie Mitteilung des Gedachten möglich macht, auf den ersten Blick vielleicht noch so aufgefaßt werden konnte, als habe das Denken sich dieses Mittel geschaffen, so ist eine derartige Annahme in Beziehung auf die Gesetze des Sprachbaues schon darum ganz unmöglich, weil wir die Gesetze zum Thcil erst jetzt noch entdecken müssen, und keinen Augenblick darüber im Zweifel schweben können, daß die etwaigen Erfinder der Dakotasprache oder irgend einer andern überhaupt nicht im Stande gewesen sind, etwas dergleichen wie eine Sprachregel auch nur zu denken, geschweige sich darüber zu verständigen. Der Sprache muß also, hierüber ist kein Zweifel möglich, Negel und Gesetzmäßigkeit nicht insofern eigen sein, als sie Kunst und Verstandeswerk, sondern insofern sie Naturproduct ist; sie muß die Vollkommenheit ihrer Organisation ebenso ohne menschliches Zuthun und Bewußtsein erlangt haben, wie irgend eines der lebendigen Meisterwerke der körperlichen Welt, welche ja eben um so vortrefflicher erscheinen, je weniger ein menschlicher Verstand bei ihrem Hervortreten als wirksam gedacht werden kann. Und wirklich empfangen wir unmittelbar den Eindruck, daß die Sprache noch in jedem gegenwärtigen Augenblicke in aller ihrer Vollendung unbewußt durch uns zur Anwendung gelangt, wenn wir Menschen der geringsten 'Geistesgaben und vielleicht nicht einmal der vernünftigen Ausführung eines fremden Auftrags fähig, doch die knnst- und wundervolle Arbeit des Sprechens mit so vieler Fertigkeit zu Stande bringen sehen, wie ein Thier die seiner Gattung eigenen Töne, oder wie sie selbst die an mechanischen Kunstleistungen ebenfalls höchst reiche Thätigkeit ihrer Ernährung Sprache und Kernunst. Niemand kann zweifelhaft sein, daß die Sprache.für die Gedanken ein wunderbar schmiegsames Gewand, ein unübertrefflich geeignetes Werkzeug ist. Man bedenke nur, welch einer That des in die Tiefe der Erscheinungen eindringenden Verstandes das Wort weil entspricht; und in welche Feinheit logischer Unterscheidung die Sprache dem. Denken zu folgen vermag, wenn wir innerhalb des Warum das Wozu dem Wieso entgegenstellen. Wie es um die Vernunft bestellt gewesen sein möge, ehe ihr dieses lebendige Kleid der Sprache erwachsen war, ob wohl jemals die Menschen denkend, aber stumm, neben einander gewandelt sein mögen, bis die Entstehung der Sprache ihr lautlos ungeselliges Dasein veränderte, und ihr Inneres ihren gegenseitigen Blicken erschloß? Dies ist ein Gedanke/welcher schwindeln ist es nicht schon, den Begriff einer bestimmten Zahl ohne Zahlworte sich vorzustellen, und wie oft tritt nicht auf deu verschiedensteu Gebieten eine größere Klarheit des Plötzlich mit einem glücklich gesprochenen Worte ein! Ja es bedarf nur einer geringen Beobachtung unserer selbst, um uns zu überzeugen, daß nicht nur je. bestimmter, sondern auch je lebhafter wir denken, um so mehr wir nur durch Worte denken, welche bei großer Aufregung oder sonst verminderter Selbstbeherrschung, sogar hörbar gesprochen werden, so daß unser heutiges Denken nichts als leises Sprechen, ein Sprechen mit oder in. uns selber ist. Die. Sprache hat also jedenfalls das Denken so sehr durchdrungen und eine so innige Verbindung aller ihrer Thcile mit ihm eingegangen, daß ein aus dieser Verbindung gelöstes Denken, ein Denken vor der Sprache l) Daselbst S. s und 9.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.