Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1871
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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- 20 - er einen allgemeinen Satz über die Sprache behauptete, dies nur geschah auf Grund zahlreicher, nach allen Seiten durchdachter Fälle. — In unserem Zeitalter der Eisenbahnen und Telegraphen ist das Q0Qum xrematur in aumim ein doch nur höchst selten beachtetes Gebot. Wenn man nun billig darüber staunt, daß Geiger weit über diese Zeit hinaus mit der Veröffentlichung seiner Arbeiten zögerte, so lag der Grund dafür in der Riesenarbeit, welche die Durchführung und Ausbildung seiner Anschauungen erforderte und in seinem Streben, möglichst vollendet vor die Oeffentlichkeit zn treten. Als dann im Jahre 1859 die Verlagshandlung unter Angabe eines Grundes, den Geiger für einen Vorwand halten mochte, ihm seine Arbeit zurückschickte, entmuthigte ihn das keineswegs: er war seiner Sache gewiß und niemals geneigt, den Maßstab für seine Leistungen von außen her zu empfangen. Lange Jahre hindurch gewohnt, ungckannt und darum unbeachtet von der Welt, einsam immer weiter und tiefer in seiner Wissenschaft vorzudringen, war es ihm schließlich kaum mehr ein Opfer, in der Verborgenheit zu bleiben, ja, wenn die Verzögerung der Publikation seiner Arbeiten diesen eine größere Vollkommenheit eintrug, sah er sogar einen Gewinn darin, nicht blos für die Sache der Wahrheit, sondern auch für seinen Ehrgeiz, der mehr auf Nachruhm, als auf den Beifall seiner Zeitgenossen gerichtet war. „Wie heiß", schreibt er im Jahre 1859 einem Freunde, „wünschte ich (wenn einer an Erfahrung geknüpften Anschauung ein so vollkommener Abschluß nicht versagt wäre), vollendet und nach meinem Leben aufzutreten! Auf Kämpfe freue ich mich nicht, denn die Wahrheit ist zu gut für sie — außer um der warmen Seelen willen, welche ihr auch dann noch treu sein werden und vielleicht auch mir; meine Hoffnungen aber waren niemals auf einen Zeitraum gerichtet, der, um Gegenwart zu sein zu groß, um Zukunft, viel zu klein ist." — Bei einer solchen Stimmung kostete es Mühe, Geiger zn bewegen, an die Oeffentlichkeit zu treten. Als aber 1868 endlich doch der erste Band seines Hauptwerkes erschien, erkannten Alle, welche sich ernstlich Mühe gaben, in dasselbe einzudringen, daß es sich um eine literarische Erscheinung der ungewöhnlichsten Art handle und ein so tiefer Kenner und unbestechlicher Nichter wie H. S teinthal, äußerte sich, bei allem Gegensatz selbst in vielen Grundanschauungen, in Worten, aus denen man Staunen und Bewunderung heraushört. „Der Verfasser", sagt er, „tritt zum ersten Male auf, aber nicht mit einer Jugendarbeit, sondern eher mit einem Lebenswerk. Er besitzt eine so umfassende und dabei gründliche Sprachkenntniß, wie nur wenige Sprachforscher; übertreffen wird ihn in dieser Beziehung wohl Niemand. Ja, ich bin geneigt, ihn den gelehrtesten Sprachforscher unserer Zeit zu nennen. Und eine Dialektik begegnet uns in ihm von einer Gewalt und Selbständigkeit, wie wir sie seit Wilhelm von Humboldt nirgends angetroffen haben. Von der Naturwissenschaft zeigt er so viel Kenntniß, wie vielleicht der Hochgebildete haben mnß, wie aber tatsächlich nur Wenige, die nicht Naturforscher sind, sich erworben haben; vielleicht, ich kann es nicht bestimmt sagen, reicht sein Wissen auch hier svgar noch weiter an das des Fachmannes heran ^)." Es ist hier nicht der Ort, noch wäre es mein Beruf, auf eine Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen Geiger's einzugehen^), aber die Bemerkung mag doch gestattet sein, daß auch dem den Sprachstudien fern Stehenden, der mit wissenschaftlichem Sinn sich in seine Arbeiten vertieft, die Ueberzcugung sich aufdrängt, daß in Geiger ein Mehrer des Reiches der Wissenschaft erstanden ist. ») Steinthal, in der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft. Bd. VI, S. 496. Ich verweise deshalb auf eine eben erschienene kleine Schrift meines geehrten Collegen Peschier: Lazarus Geiger. Sein Leben und Denken von Eugene Peschier. Frankfurt a. M. 1971. Auffarth.