Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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— 29 - doppelung desselben Zeichens gewesen wäre. Im Inlaut steht dagegen ss für beides, doppeltes s und ß, eben weil ß nicht verdoppelt werden sollte; das ß in bewußt ist ebenso zu verstehen, wie das in Nuß; indem nach Analogie von beweist das zweite ß ein s geworden wäre. Hiernach ergibt sich denn die bekannte, höchst einfache Regel, daß ss nur in der Mitte des Wortes, zwischen Vocalen, von denen der vorausgehende kurz ist, in allen anderen Fällen aber ß steht. An die Stelle dieser Regel setzt die historische Schule eine ganz andere. In wissen ist ss Vertreter eines doppelten ß: also soll man „wißen" schreiben; in müssen soll ss bleiben, weil hier ss, etymologisch betrachtet, Verdoppelung des s ist. Man soll schreiben Fuß, Schluß, Kus, gewust, muste, gröste; aber rößten (den Flachs mürbe machen; so Bauer, neuh. Gramm. 1863, S. 178). Der Gebrauch von ß oder ss soll sich nicht mehr nach dem Unterschiede der Aussprache und der Stelle im Worte richten, den jeder Schreibende im Augenblicke herausfinden kann; er soll auch dem Leser nichts über die Aussprache andeuten, sondern sich nach der Vertheilung der betreffenden Laute im Mittelhochdeutschen richten, für die wir in unserer Aussprache kein Kennzeichen mehr haben, und die wir daher, wenn wir nicht gründliche Kenner des Mittelhochdeutschen sind, nur aus den Tabellen ersehen können, die uns unsere Schriftverbesserer zu diesem Zwecke freundlichst angefertigt haben. Raumer hat mit gewohnter Einsicht auch diesen Punkt behandelt, ist aber geneigt, die Schreibung nis und mis aus einem anderen Grunde zuzugestehen. Sein Gedankengang ist folgender. Tonlose Silben sind kurz, ohne daß es einer Verdoppelung des folgenden Consonanten bedürfte, z. B. die Endsilbe von Blüthen. Nun ist die Silbe niß in Finsterniß nicht tonlos, sondern tieftonig; daher reimt Finsterniß z.B. auf gewiß. Aber in Bedürfniß, Betrübniß, wo der Ton auf der unmittelbar vorhergehenden Silbe liegt, ist niß — nach Raumer — tonlos; auf Betrüb niß kann man daher nicht gewiß reimen. Darum sollte man eigentlich Finsterniß und Betrübnis schreiben und in der Mehrheit Finsternisse, aber Bedürfnise. Da dies nicht angehe, so könne man Finsternis, Bedürfnis, aber dagegen Finsternisse, Bedürfnisse wählen. Abgesehen davon, daß eine solche Abfindung mehr billig als logisch ist, so ist auch der Laut der Endung in Bedürfniß unstreitig kein anderer als in Kürbiß, Firniß, ja Imbiß, worauf man ebenfalls nicht mit gewiß reimen kann; und ähnlich verhalten sich Kompaß, Elsaß, Amboß, Kiebitz, Stieglitz u. s. w. Es gehört hierher auch die Frage nach der Anwendung der deutschen Schrift, welche Grimm, da sie „durchaus nicht für eine organische Modification der lateinischen Schrift zum Behuf der deutschen Sprache gelten" dürfe, „barbarisch" genannt hat. (D. Gr. 1^ 27. 29). Practische Gründe bleiben natürlich hier außer Betracht, obwohl, wenn die Gemeinsamkeit mit Nachbarvölkern für die lateinische Schrift angeführt wird, auf der anderen Seite wohl zu erwägen ist, daß damit eine Absonderung der gebildeten Stände unseres eigenen Volkes von denjenigen, die nicht zwei Alphabete lernen können, nothwendig verbunden bleibt, so lange es nicht dahin kommt, daß das lateinische Alphabet allein Anwendung finde, wohin es doch sobald schwerlich kommen möchte. Wenn aber der Hailptgrund der Vorliebe der historischen Schule für die lateinische Schrift wohl ohne Zweifel darin gefunden werden muß, daß die sogenannte deutsche nicht ursprünglich, nicht die Schrift unserer Vorfahren gewesen, so sehe ich nicht ein, wie wir uns bei der lateinischen Schrift beruhigen und warum wir nicht wenigstens zur phönicischen zurückkehren sollten. Große Buchstaben sür den Anlaut der Substantive sind nach Grimm „pedantisch". Bis