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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1870-01-01 · 1870 · page 27

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Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1870
Date
1870-01-01
Page
– (sequence 27)
Language
German
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— 28 — Ansicht von der Sprache als Naturproduct, sammt dem Gegensatze des Künstlichen oder Unorganischen, ist unrichtig. Die Sprache ist Product der Entwickeln ng; und diese Entwicklung ist eben das, was wir als Abweichung von dem Früheren, als Verfall der ehemaligen Gestaltung gewahren. Ohne diese Anschauung von dem niemals abgeschlossenen, sondern in ewiger Bildung und Schöpfung begriffenen Wachsthum der Sprache, mußten manche Anhänger der historischen Schule begreiflicher Weise dahin gerathen, für einen Auswuchs zu halten und zu beseitigen, was sie in Wirklichkeit für einen neuen Keim erkennen sollten. Sogar wirkliche Jrrthümer haben von jeher bei der Bildung von Sprachelementen mitgewirkt, und es ist ganz unmöglich, sie hinterher corrigiren zu wollen. Unser ziemlich neues notwendig ist, wie sich wahrscheinlich machen ließe, wohl nur ein Jrrthum für „nothbendig." Aber man sieht leicht, daß dies nicht mehr zu ändern steht. In Me errettig hat man die Erklärung von Mähre nach dem englischen Iwi'se-raäiLli wieder aufgegeben, da das Althochdeutsche meri'Atiek, m6i'irMeIi schon auf Meer zu deuten scheint. Wie aber, wenn (wofür vielleicht mei-i-aatied und die noch jetzt vorkommende Aussprache Merrettig spricht) das Ganze nur der entstellte lateinische Name amoraeia. wäre? Dann fiele die Frage von selbst weg, und die englische Form beruhte nur auf einem anderen, complicirteren Mißverständniß. Was bei dem Bestreben, die deutsche Orthographie zu verbessern, besonders characteristisch und seltsam ist, das ist der Gegensatz, worin wir uns damit gegen practischer gesinnte Nationen befinden. Die Engländer haben, da ihre Literaturentwickelung die Schreibung schon vor längerer Zeit festsetzte, seit welcher bis heute die Aussprache sich geändert hat, eine Orthographie, die mit der Aussprache nicht mehr stimmt. Sie bedauern diesen Uebelstand, und ihre Sprach gelehrten streben längst nach dessen Beseitigung. Noch vor Kurzem hat auch der berühmte amerikanische Sanskritforscher Whitney sich darüber erklärt, wie wünschenswerth ein phonetisches, der gegenwärtigen Aussprache entsprechendes Schriftsvstem sein würde, und entschiedene Verwahrung dagegen eingelegt, daß die wahrhafte etymologische Wissenschaft etwas durch die nicht gesprochenen, blos für das Auge vorhandenen Buchstaben englischer Wörter gewönne. Wir nun haben, da die Festsetzung unserer Sprachgestalt durch die Literatur noch nicht weit hinter uns liegt, eine mit unserer gegenwärtigen Aussprache nicht im Widerspruche befindliche Schriftsprache. Und nun wollen deutsche Sprachgelehrte, daß wir statt Licht, Dirne, lügen, lieekt, äierQ6, listen schreiben sollen, weil vor einigen Jahrhunderten so geschrieben worden ist! Selbst Weigand's vortreffliches deutsches Wörterbuch ist hie und da durch eine Bemerkung entstellt, wie folgende unter Sims: „historisch richtig Simß geschrieben, wie man auch mit Fug wieder schreiben sollte. Denn mittelhochdeutsch der sims^." Nun ist es ein allgemeines Gesetz unserer Schriftsprache, daß ß nur auf Vocale folgt: es gibt kein ganß, ßwanßig, vierßig, fünfßig^ sondern nur: ganz, zwanzig, vierzig, fünfzig, und es findet sich daher bei Schottel ins (1663) neben Binsen wohl noch Bintzen, aber nicht Binßen. Wo in anderer Stellung als nach Vocalen für mittelhochdeutsches? nicht z eintrat oder eintreten konnte, da wurde es zu s (sch); so in Erbse, Gemse, Krebs. — Einige schreiben -nis, mis-, deshalb, anstatt -niß, miß-, deßhalb. Geschieht dies aus historischen Gründen, so müßten sie bekanntlich auch Kus, Bas, Ros, gewis schreiben. Das ß im Auslaute vertritt sowohl das doppelte s, als das (gleichlautende) doppelte ß: ß wollte man nämlich, wie ch, nicht verdoppeln, da es schon aus zwei Consonanten besteht; s am Ende des Wortes ebenfalls nicht, da dann s und s nicht mehr Ver-

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