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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1870-01-01 · 1870 · page 26

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Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1870
Date
1870-01-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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IRI
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— 27 — Beurtheilung unserer eigentümlich gestalteten Schriftsprache mit ihrer verwilderten, aber doch in langsamer Verbesserung begriffenen Schreibung habe ich mich bemüht, den Leser in den Stand zu setzen;" macht jedoch in einer Anmerkung das merkwürdige Geständniß: „Für dieß Werk ward die jetzt gewöhnliche Schreibung des Neuhochdeutschen beibehalten, da eine richtigere, aber ungewöhnliche Schreibung für die Verbreitung desselben von Nachthell sein dürfte." Wenn übrigens in einigen wenigen Fällen die Schreibung einzelner Worte wirklich schwankend sein sollte, was liegt daran? Man lasse der Schrift alsdann die Freiheit, die wir ja auch der Sprache lassen müssen, wenn sie sich „ich ward" und „ich wurde" neben einander gestattet. Keinesfalls würde damit eine willkürliche Veränderung dessen begründet sein, was tatsächlich nicht schwankt. Man klagt oft über die Juconsequenz unserer Orthographie in der Setzung des h. Allein im Ganzen wird die Länge eines Vocals, wenn l, m, n, oder r in der Silbe vorhanden ist, ziemlich consequent durch das h bezeichnet, und nur zwei Motive treten dieser ConsequenZ öfters entgegen; das eine ist die Vermeidung allzuvieler Consonanten in dem Worte, daher z. B. schmal; das andere das in unserer Orthographie nicht seltene der Unterscheidung zwischen sonst gleichen Wörtern. Gerade gegen dieses letzte Motiv ist von den verschiedensten Seiten gewaltig geeifert worden. Aber ich sehe nicht ein, warum die Schrift, der so vieles, was die lebendige Rede voraus hat, abgeht, die zugleich bei der vollkommensten Treue in der Wiedergabe des Lautes, dennoch immer Manches zusammenfallen läßt, was die Stimme unterscheidet, nicht auch andererseits ihre eigenen Vortheile für sich haben dürfe; warum z. B. das gelesene Sprichwort „wer zuerst kommt, mahlt zuerst," uns nicht sofort zu verstehen geben dürfe, daß hier nicht vom Malen die Rede ist? Gewisse Romantiker der historischen Schule wollen sogar daß und das nicht mehr unterschieden wissen, weil dieser Unterschied nur einige Jahrhunderte alt ist; hiermit wird also der Sprache nicht nur das Recht zukünftiger Fortentwickelung, sondern auch das der vergangenen abgesprochen. Ein derartiges Streben pflegt zu vergessen, daß eine willkürliche Herstellung des Vergangenen ein ganz ebenso gewaltsamer Eingriff, als die künstliche Einführung des Neuen ist. Reform, willkürliche, bewußte Umgestaltung ist aber überall um so weniger am Platze, je tiefer das Object mit Gefühlen verknüpft, je mehr es aus unbewußter Entwicklung hervorgegangen ist. Was zu Zwecken gemacht ist, kann, mit veränderten Zwecken oder besserer Aufklärung über die richtigen Mittel, umgearbeitet werden; aber über diese Sphäre hinaus muß die Natur walten. Es ist dies nur der alte Jrrthum der „Analogie" in der Sprachwissenschaft, in welchen auch die historische Schule wieder zurückgesunken ist. Die Anhänger der Analogie im Altenhum wollten die Sprache nach vermeintlich in ihr zu findenden Regeln meistern; die historische Schule der Gegenwart ebenfalls. Die historischen Sprachverbesserer kennen freilich mehr Regeln und kennen sie tiefer; aber sie wenden sie ebenso übel an. In der That ist es leicht einzusehen, daß die Stellung der historischen Schule zur Sprache der Gegenwart nicht zufällig, sondern ein Ausfluß von Grundanschauungen über das Wesen der Sprache im Ganzen ist. Die philosophische Schule ebensowohl, als die historische, betrachtet die Sprache als ein Naturproduct, wenn auch in verschiedenem Sinne. Dieser Vorstellung von der Sprache als einem Naturproducte gegenüber muß eine wirklich und geschichtlich in ihren Veränderungen beobachtete Sprache als Kunstproduct, als Erzeugniß der Willkür erscheinen; eine Veränderung, von der wir nachweisen können, wann sie zuerst eingetreten, und wohl gar, wer sie zuerst veranlaßt oder doch in die Literatur eingeführt hat, scheint ein Eingriff in die Naturgestalt des sprachlichen Organismus zu sein. Allein diese 4*

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