Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9643684-3089696--0175-3089973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 24 — der Natur der deutschen Sprache begründet und mit den Gesetzen der Wortfolge verknüpft; sie sind daher nicht zu entbehren. Erst auf sie kann die Lehre von dem Gebrauch der Modi und Tempora begründet werden. Dagegen ist z. B. die Eintheilung der Sätze in „nackte" und „bekleidete" oder „erweiterte," wie so manches Andere, womit man das Denken zu schärfen vermeint, völlig werthlos; und überhaupt wird man gut thun, Einteilungen und grammatische Kunstausdrücke auf das Unentbehrlichste, allgemein Anerkannte zu beschränken. Eine Benutzung naheliegender fremdsprachlicher Erfahrung wird nicht zu verschmähen sein; so wird z. V. die Eigentümlichkeit der deutschen Wortfolge durch den Gegensatz des Französischen in ein helleres Licht treten. Wir können uns nicht verhehlen, daß die Methode der älteren lateinischen Schulgrammatik, vonvielen Übertreibungen im Einzelnen abgesehen, doch im Ganzen so manchen Neuerungen gegenüber im Rechte war, und auch Grimm hat in der Svntax wesentlich dieselbe Methode eingehalten. Freilich muß sich die deutsche Grammatik davor hüten, jede lebendige Einzelheit unter dem Namen der Ausnahme erschöpfend dem Gedächtniß überliefern zu wollen; vielfach kann sie sich begnügen zu erklären, was unter Umständen geschehen kann, ohne jeden einzelnen Fall, wo es geschieht, angeben zu wollen. VIII. KegriinMg der Befugnisse der Grammatik. Sprachreformbestrebungen der historischen Schule. Die orthographische Trage. Noch weniger darf die Grammatik zur Entscheidung bringen wollen, was der Gebrauch selbst unentschieden läßt. „Die lebenden Sprachen," sagt Klopstock, „haben immer etwas, das im Werden ist, und sich bald auf diese Seite, bald auf jene Seite neigt." Die Sucht, eine recht exacte, strenge Theorie zu sein, hat die Grammatik nur zu oft zur Verkennung der Natur alles Werdens in der Sprache verleitet, und sie zur pedantischsten Sache der Welt, ja für die freie Entwicklung der Sprache selbst gefährlich gemacht. Am unzulässigsten aber ist es, wenn die Grammatik von sich aus, nach irgend einem allgemeinen Princip, der Sprache Gesetze vorschreiben will. Die Sprachlehre hat nur eine einzige Richtschnur, den Sprachgebrauch. Adelung hat dies ganz richtig erkannt, und er ist hierin der historischen Schule, und namentlich auch Jacob Grimm, wahrhaft überlegen. Es kann auf den ersten Blick seltsam erscheinen, daß gerade Grimm, der für das naturgemäße, unbewußte Werden der Sprache einer so tiefen Ehrfurcht fähig war, überall mit modelnder Hand in unsere Sprache einzugreifen suchte. Es lag dies an der Vrrtennung der Wahrheit, daß eben der Sprachgebrauch, der unsere gegenwärtige Sprache bestimmt, die schöpferische Kraft ist, die die Sprache von der Urzeit an gebildet hat. Was dem alten Bau des Mittel- oder Althochdeutschen zuwider in unsere Sprachgewohnheit gedrungen ist, das sollte „unorganisch" sein, während doch jener alte Bau selbst nur ganz auf dieselbe Weise, durch Sprachgewohnheit entstanden ist, und einem noch älteren Sprachzustande ebenso zuwider läuft. Schleicher, dessen feindliche Stellung gegen das Neuhochdeutsche schon erwähnt worden ist, gibt wiederholt sein Bedauern über manches „Unorganische" dieser Art in unseren Wortformen zu erkennen, und nennt es z. V. ein Eindringen der Mundart Zwickauer's, daß wir schwöre, gewöhne, Hölle, dörren.