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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1870-01-01 · 1870 · page 22

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Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1870
Date
1870-01-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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IRI
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Prof. Herling, ein bedeutender, um die deutsche Syntax sehr verdienter Jünger dieser Schule, ein Mann, dessen ich im Uebrigen nur mit der höchsten Verehrung gedenken kann, sagte mir einst, als der gänzliche Mangel der Flexionen im Chinesischen zur Sprache kam, er wünsche lebhaft diese Sprache srudin zu haben, er würde dann schon zeigen können, daß dieser Mangel eine bloße Täuschung sei; denn etwas derartiges sei unmöglich. Und Becker selbst gelangte auf diesem Wege dahin, in seinem Buche über den deutschen Styl eine Menge von Sätzen Goethe's und anderer Classiker zusammenzutragen, um dieselben nach vorgefaßten Meinungen für fehlerhaft zu erklären. So soll es z. V. „der logischen Form des Gedankens" nicht entsprechen, wenn ein „Nebensatz von geringem logischem Werthe" dem Hauptsatze folgt, indem angeblich das logisch Wichtige immer soll nachfolgen müssen. Darum wird denn z. B. der Göthe'sche Satz für falsch erklärt: „Wir sahen uns seltener, weit unsere Eltern nicht zum Besten mit einander standen." Und zu einer Reihe von Sätzen, deren erster ist „Er ist Dir neidisch, weil Du glücklich wohnst, ein freier Mann auf Deinem eignen Erbe" macht Becker sodann die Bemerkung: „In diesen Beispielen ist zwar die Stellung des Adverbialsatzes nicht fehlerhaft, aber die Form der Sätze ist dennoch anstößig." Ihm zufolge wäre die Form „wohlgefälliger" gewesen: „Du wohnest glücklich, ein freier Mann auf deinem eigenen Erbe, darum ist er Dir neidisch ^)." Nach Steinthal's Kritik von Becker's Sprachanschauung, und noch mehr nach Steinthal's eigenen Darstellungen der Freiheit und Mannigfaltigkeit in der Form der Sprache, sowie ihres keineswegs wesentlich logischen, sondern weit tieferen Hintergrundes, ist ein Kampf gegen jene Grundanschauung kaum mehr erforderlich ^). Aber gerade auf dem praktischen Gebiete der Sprachlehre, der Schulgrammatik, ist ihre Wirkung immer noch nicht überwunden; und dennoch ist dies vielleicht ihre schwächste, und besonders ihre abstoßendste Seite. Wir dürfen keine Kategorien in die Sprache tragen, die sie nicht selbst als ihr Eigenthum deutlich verkündet; und das thut sie durch die Form. Ob es vernünftig ist oder nicht, eine Zweizahl von einer Mehrzahl zu unterscheiden — eine Sprache, die eine Dualform besitzt, zeigt damit, daß sie eine solche Kategorie anerkennt. Es muß also überall von der Form ausgegaugen werden; Declination, Konjugation u. s. w. sind in der eigenen Sprache ganz wie in einer fremden zu behandeln. Ebenso haben wir in der Syntax den Gebrauch der Formen zu beobachten, und z. B. von der Anwendung, die die Tempus- und Modusformen einer Sprache wirklich finden, nicht von ersonnenen Kategorien auszugehen. Man beginne nicht mit dem Satze, sondern mit den „Redetheilen", ihren Formen und Flexionen, also der Formenlehre; in der Syntax muß die Unterscheidung der Satztheile der Lehre vom Gebrauch des Casus vorausgehen. Die Eintheilung in einfache, zusammengesetzte, Haupt- und Nebensätze, sowie die Unterabtheilungen des Hauptwie des Nebensatzes, und die weiteren Eintheilungen des Adverbialsatzes in Sätze des Ortes, der Zeit, des Grundes, der Bedingung u. s. w. sind in 1) Der deutsche Styl, Frankfurt a. M. 1348, S. 378. 381. 2) In Rudolph Weftphal's „philosophisch-historischer Grammatik" (Jena 1869) ist das sogenannte Philosophische glücklicherweise nicht viel mehr als ein Rahmen, in welchen die feinen Bemerkungen des gerade um den lautlichen Theil der Sprache so mannigfach verdienten Verfassers eingetragen sind. Die philosophische Betrachtungsweise und die ganze Grundanschauung über das Wesen der Sprache, die aus dem Buche spricht, kann ich indessen von meinem Standpunkte aus nicht theilen. — Ich bin übrigens weit entfernt, Becker's Verdienste und die tiefen Blicke zu verkennen, die er mir bei alledem in die Sprache gethan zu haben scheint.

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