Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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— 25 — schöpfe, Schöffe, Löffel, lösche, Löwe, zwölf, Gewölbe sagen, anstatt schwere, gewöhne u. s. w. Denn so heißt es im Mittelhochdeutschen. Aber in diesen Wörtern ist es der Lippenlaut w oder f, meist unter Mitwirkung eines l, n, r, wozu in einigen noch ein fernerer Lippenlaut kommt, der die Annäherung an den Lippenvokal o bewirkt hat; in H ö lle und dörren waren l und r zu dieser Wirkung genügend; alles analog der englischen Annäherung des a. an 0 in naLk, ^ar,?tnnt, (M, a?80. Nun findet sich schon im Althochdeutschen sol (soll), wokta. (neben wakta., mochte), (gewohnt) (Grimm D. G. 1^ 79), wo ebenfalls die Liquidae und Lippenlaute Grund der Verwandlung eines zu erwartenden a. in 0 sind. Warum soll nun dieses weniger unorganisch sein, als der ganz gleiche neuhochdeutsche Vorgang? warum gewöhnen unorganisch, und Gewohnheit, wo schon das Althochdeutsche das ebenso entstandene 0 hat, nicht? Auch in von, holen, stammt das 0 schon aus dem Althochdeutschen, während es in wo, ohne, Mond, Mohn spät mittelhochdeutsch, in Woge, Argwohn, (statt Argwahn) Brombeere, Thon, schwoll u. a. erst neuhochdeutsch, aber wie man sieht, immer in Folge derselben Lautneigung entstanden ist. Es ist meines Wissens Niemand beigefallen, das ü in fünf unorganisch nennen zu wollen; und doch heißt es im Gothischen imk, im Angelsächsischen M, und erst im Althochdeutschen tunk, wieder unter Einfluß der Lippenlaute und der Liquida. In voll, füllen, ist der Lippenvokal nicht nur gothisch (tulls), sondern sogar schon Sanskrit (xürua), obschon die Wurzel a Zeigt (xiM?-ini griech. xiin^cmai). Solche Lautneigungen sind noch nicht Lautgesetze, indem die Verwandlungen nicht in allen Fällen eintreten, wo die Veranlassung gegeben ist; aber sie sind darum nicht minder sprachlich begründet, und aus ihnen gehen sogar die Lautgesetze erst hervor. Diese sind nämlich nichts, als solche allgemein vorherrschend gewordene Lautneigungen. Der Vorzug, welchen der neuhochdeutsche Gebrauch der Form Hülfe gegeben hat, beruht auf dem Einflüsse der Lautverbindung 1t; und wenn man ihm entgegen Hilfe schreiben will, trotzdem daß Hilfe nicht nur die schon bei Luther gebräuchliche Form, sondern im Mitteldeutschen sogar im 14. Jahrhundert kulÜ'e, und vereinzelt selbst im Althochdeutschen kult'a vorkommt i): wie sollte man Würde, würdig beibehalten dürfen, da das Alt- und Mittelhochdeutsche nur i in diesen Wörtern kennt? Weinhold ist daher nur consequent, wenn er wirde und w ird ig schreibt. Derselbe Gelehrte schreibt der (Bär), lieekt (Licht), u. s. w.; ein anderer eiäu^iiiZ (Ereigniß). R. v. Raumer hat gezeigt, daß die Consequenzen einer solchen Reform auf eine „fundamentale Umgestaltung unserer seit mehr als hundert Jahren gültigen Schriftsprache" hinauslaufen, und ihre UnHaltbarkeit aus mehr praktischen Gründen unwiderleglich nachgewiesen. Und in der That würden wir nach diesen Grundsätzen z. B. zu sagen haben: der B^oge, der Brate, die Bracht (so Grimm, statt Bogen, Braten, Pracht); des Augen, „so im 16. Jahhundert noch zuweilen richtig des Augen, jetzt unorganisch des Auges" sagt selbst Weigand im „Deutschen Wörterbuch"); der Zungen (statt Zunge); die Hirte, Geiste, Weibe (für Hirten, Geister, Weiber); der (statt die) Schnecke; der Lock, der Kohl (statt die Locke, Kohle); wir funken (statt sanken, „historisch richtig und deshalb nicht zu verwerfen" führt Raumer aus Hoffmann's Schulgrammatik an); er beiß, greif, erlasch (statt biß, griff, erloscht); wir sein (statt sind) u. s. w. 1) Vergl. Wei'gand's deutsches Wörterbuch unter Hilfe. 2) Die Abwandlung solcher Imperfecta, in denen im Altdeutschen die erste und dritte Person der Einheit von den übrigen Personen durch den Vocal unterschieden wurde, hat sich erst im 17. Jahrhundert in der 4