Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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— 22 — Grammatik geschaffen worden sind, nicht ein schlagender Beweis gegen ihren vermeintlichen praktischen Werth? Und werden wir nicht auch in der Neuzeit von Shakespeare annehmen müssen, daß er wenigstens eine Grammatik seiner Muttersprache nicht gekannt habe? — Die Thatsache ist richtig, aber die praktische Wertlosigkeit der Grammatik scheint sie mir dennoch nicht zu beweisen. Wir dürfen nicht vergessen, daß Diejenigen, die in Zeiten, wo ihre Sprache noch nicht grammatisch bearbeitet ist, dichtend oder schreibend auftreten, die höchsten, seltensten Geister sind. Für solche Menschen ist der Jnstinct der Sprache, der ohnedies von wenig sonstigen Bildungsstoffen abgezogen und zerstreut ist, völlig zu den höchsten Schöpfungen ausreichend. Ein intuitives Aufnehmen des Gesetzes aus vielleicht nur vereinzelten Fällen setzt sie in den Mittelpunct des Sprachgefühls ihrer Nation, das sie instinctiv errathen, dem sie überdies zum Theil Muster und Regel werden. Der Sprachgeschmack in seltener Naturausbildung ist es, der hier die Regel ersetzt. Solche Erscheinungen gibt es auf allen Gebieten. Es gibt Köpfe, für welche es kaum einer arithmetischen oder algebraischen Methode bedürfte. Es ist bekannt, daß eine bedeutende Anzahl kleiner Planeten mit den schlechtesten Instrumenten entdeckt worden ist. So ist es allenthalben unleugbar, daß es nichts Mächtigeres, nichts Selbstgenügsameres gibt, als die große Naturanlage. Aber in der Zeit, in der wir leben, will alles Volk zu schreiben und zu sprechen verstehen, und wir können nicht hoffen, daß, sofern es doch überhaupt einen Unterschied zwischen Richtigem und Unrichtigem gibt. Jeder von selbst das Richtige verstehe und als Homer über seine Sprache walte, sondern wir haben, wenn wir die Sprache jedem Jnstincte überlassen, nur Verwilderung zu erwarten. VII. Methode der Sprachlehre. Die „philosophische" Schule. Steinthal. Wichtigkeit der Zorm fUr die Sprachlehre. Wenn die Sprachlehre die Aufgabe erfüllen soll, das in der Sprache lebendige System zum Bewußtsein zu bringen, und damit dem Geiste die Form zu bieten, in welche die Masse der sprachlichen Gestaltungen aufgenommen und zur gesicherten Auffindung geordnet werden kann, so ergibt sich leicht der Gang, den wir ihr zu diesem Ziele wünschen müssen. Ein vermeintlich philosophischer Weg ist hier durchaus verwerflich. Eine solche Methode, wie sie Becker vertreten hat, beruht auf der Grundanschauung, als ob wir uns nur ein Schema dessen machen dürften, was wir von der Sprache zu fordern haben, und dann zuzusehen hätten, auf welchem Wege eine Sprache diese Forderung erfüllt. Es ist dies wieder, nur in anderer Form, die falsche Vorstellung von der Sprache als einer organischen Thätigkeit. Die Sprache sollte überall Dasselbe leisten, und zwar glaubte Becker von vornherein bestimmen zu können, was sie leisten müsse. Der Zusammenhang von Denken und Sprechen wird hier nicht etwa so aufgefaßt, daß wo die Sprache auf unvollkommener Stufe gefunden wird, auch auf ein unentwickelteres Denken geschlossen werden müsse, sondern von der Voraussetzung aus, daß das Denken überall und von jeher als eine organische Denkfunktion fertig in dem Menschen vorhanden gewesen sei, sollte auch die Sprache in allen ihren Formationen ein und dasselbe logische Schema zeigen, welches mit Hülfe der Logik zu entwerfen, eben die Aufgabe der „philosophischen" Grammatik war.