Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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- 21 — thetischen Form verwechselt, und sagt, man habe ihn gelehrt, die Erde würde sich um die Sonne drehen, so wüßte ich nicht, wie ihn: dieser Fehler deutlich gemacht werden könnte, ohne den Begriff der Bedingung und indirecten Rede, und ferner der Zeiten, da für die Zukunft auch in der indirecten Rede „ich würde sein" gilt. Auch der Unterschied zwischen wenn und wann, in seinem Gegensatze zu dem ganz verschiedenen zwischen si und yuanä, setzt zu seinem Verständniß den Begriff des Bedingungsatzes, des Zeitsatzes und der indirecten Frage voraus. Und selbst ohne solche praktische Nothwendigkeit tritt eine grammatische Erscheinung sofort in ein anderes Licht, wenn mit der Benennung das allgemeine Gesetz zum Bewußtsein gelangt. Welcher Gebildete aber wird dies entbehren wollen? Daß es verschiedene Nedetheile, Flexionen, Ableitungen und Präfixe u. s. w. gibt, sind Entdeckungen; nicht künstliche Formeln erfahren wir in der Grammatik, sondern die wirkliche Analyse der Sprache. Es gibt heutzutage Schulmänner, welche wünschen, daß 10jährige Knaben „anschauen" sollen, was ein Jkosaeder ist, hingegen über den Bau des größten Wunders der Geisteswelt sie in gänzlicher Unschuld lassen möchten. Vielleicht ist aber die geheime Hoffnung dabei im Hintergrunde, daß sie bei Gelegenheit des Lateinischen und Französischen von solchen Dingen hören, und alsdann wenigstens von dem deutschen sudMetik oder äsülli reden werden. Ist dies nun aber nicht erst recht synthetisch? und soll die sprachliche Ausbildung des deutschen Volkes von der Erlernung fremder Sprachen abhängig gemacht werden? Der richtige Weg kann nur der umgekehrte sein. Das Bewußtsein von dem Wesen und Bau der Sprache muß an der eigenen, wohlvertrauten, geweckt werden; sie wird dadurch zugleich das Mittel, wodurch der fremde Sprachbau bewußt aufgenommen und begriffen wird. Ich halte es nicht für unmöglich, daß eine gewisse Uncorrectheit und Schwerfälligkeit, welche sich in der deutschen Tagesliteratur häufig findet, während wir z. B. in Frankreich auch das Mittelmäßige in leidlich correcter Fassung auftreten sehen, von dem Mangel an Schule, der Vernachlässigung der Grammatik herrührt. Und wenn die Ideale der gänzlichen Agrammatie in der Schule verwirklicht werden sollten, so würden wir zuletzt vielleicht unserer papierenen deutschen Sprache gar wieder ledig werden. Indessen scheint diese Richtung in der jüngsten Zeit doch nicht weiter um sich zu greifen, wie sich denn u. A. in Beziehung auf Gymnasien Tomas chek im Jahre 1866 gegen dieselbe erklärt, und bemerkt, „daß die Stimmen, welche allen grammatischen Unterricht in der Muttersprache auf den untersten Stufen beseitigen wollen, immer seltener werden, ja daß die hie und da geltende Verordnung, sprachliche Bemerkungen lediglich an die Lectüre anzuschließen, wohl die überwiegende Zahl practischer Schulmänner gegen sich vereinigt^)." Es ist allerdings wahr, daß Homer keine griechische Grammatik gekannt hat, und daß Sophokles keine Ahnung davon hatte, daß, und warum er hier einen Conjunctiv mit an, dort einen bloßen Optativ gebrauchte. Ist diese Thatsache, daß die größten Geisteswerke der Vorzeit ohne alle Beihülfe der „Die deutsche Grammatik im Unter-Gymnasium" in der Zeitschr. s. d. österr. Gymn. S. 339 ff. Von älteren Stimmen möge hier besonders Hiecke Erwähnung finden („Der deutsche Unterricht aus deutsch... Gymnasien", Leipzig 1842, S. 195 ff.). Auch Prof. Bonitz betonte im Jahr 1852 R. v. Raumer gegenüber Nothwendigkeit „ausdrücklicher Bemühungen um deutsche Grammatik in besonderen Lectionen des Unter-Gymnasiums." Raumer erklärte sich hiermit im Wesentlichen einverstanden. Vergl. Raumer's ges. Schr. S. 209, und Tomas chek a. a. O. S. 361 ff. Auch Grimm hat in der zweiten Auflage der Grammatik (1822) seine Ansicht bedeutend modificirt. PH. Wackernagel hat dieselbe jedoch in ihrer anfänglichen Schärfe wieder aufnehmen zu müssen geglaubt. („Der Unterricht in der Muttersprache". Stuttgart 1843.)