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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1870-01-01 · 1870 · page 17

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Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1870
Date
1870-01-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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IRI
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— 18 — Das einzeln aufwachsende Kind steht aber diesem Resultate, immer nur lernend gegenüber; es empfängt das Vorhandene, und dies ist ihm Gesetz. Es ist ganz und gar nicht so, als ob aus dem Kinde neue Formen durch inneren Naturtrieb hervorbrechen könnten; was es nicht gehört hat, das spricht es nicht. Auch macht ein Kind, das nur die Mundart seiner Eltern spricht, in dieser ebenfalls Fehler; nur findet es alsbald sein Correctiv in dem Gelächter seiner Umgebung. Dabei ist es merkwürdig, wie früh sich das Gefühl der Unterwerfung unter den allgemeinen Sprachgebrauch, die Anerkennung desselben als Gesetz, ja der Sprachrichtigkeit einzustellen pflegt. Oder ist es nicht etwas höchst Ueberraschendes, ein Geschöpf von 2 bis 3 Jahren schon corrigiren und dabei sich einer Redensart bedienen zu hören, wie „es heißt nicht gewaschen, es heißt gewaschen?" Eine Unterscheidung zwischen Dialect und Schriftsprache in Beziehung auf ihre Natürlichkeit ist bloße Selbsttäuschung. Der Dialect entwickelt sich aus dem Sprachgebrauch der räumlich verbundenen Volkskreise; die gebildete Sprache ebenfalls aus dem Sprachgebrauche der in besonderem Verkehr miteinander befindlichen gebildeten Kreise. Die Wirkung dieses Sprachgebrauchs ist das Sprachgefühl, und dieses erlangt das Kind, wenn es in einem Kreise aufwächst, in dem es auch nur zuweilen die gebildete Sprache zu hören pflegt, ganz in derselben Wch'e, wie das Dorfkind die Mundart seines heimischen Dorfes; uno es ist dabei ganz gleichgültig, wie dieser Dialect oder jene Cultursprache entstanden sind, ob sie Stamm- oder Töchtersprache, ob sie rein oder gemischt, und ob sie einen papierenen Ursprung haben, oder von jeder Berührung mit Papier so fern geblieben zu sein sich rühmen können, wie die der Papuas oder der Hottentotten. Nur insofern findet einiger Unterschied statt, daß die gebildete Sprache an Mannigfaltigkeit des Begriffsinhalts die Mundarten übertrifft, daß der Sprachgebrauch bei dem großen Kreise der Theilnehmer oft schwerer Md nur mittelbar zu erfassen ist, daß zugleich die Anforderung an Sprachrichtigkeit strenger zu sein pflegt und endlich allerdings auch, daß es sich bei der Cultursprache darum handelt, sie nicht nur zu sprechen, sondern auch zu schreiben. Es ist zu verwundern, daß es den Urhebern des Vorschlags, das Hochdeutsche unter Vermittlung der Mundart zu lehren, entgangen ist, wie gerade hierdurch das Deutsche nur als eine fremde Sprache, ein zweites Latein, gelehrt werden würde, indeß die Mundart die Stelle der eigentlichen Muttersprache vertreten müßte. Wenn man wirklich einer solchen Gelegenheit, wie die Abweichung der Mundart von der Schriftsprache, bedürfte, um auf grammatische Verhältnisse aufmerksam zu machen, und hieran sogar eine Theorie der Grammatik anzulehnen wäre, so würde Niemand so viel Gelegenheit zu grammatischer Belehrung finden, als ein plattdeutsches Bauernkind. Aber ein Kind, welches die hochdeutsche Sprache schon mit zur Schule bringt, würde derselben eine recht bedenkliche Schwierigkeit bieten, und würde wohl niemals etwas davon erfahren, daß es Declinationen und Conjugationen gibt. Es ist indessen offenbar nicht im Mindesten aus dem Leben gegriffen, sondern blos in der Studierstube ausgesonnen, daß einem deutschen Kinde die deutsche Sprache eine fremde sei und einer Übersetzung und Vermittlung durch den Dialect bedürfe. Nur in sehr seltenen Ausnahmsfällen mag es vorkommen, daß das Kind niemals, auch nicht einmal etwa in der Predigt, hochdeutsch sprechen gehört hat, und selbst in diesen Fällen beginnt mit dem ersten Buchstaben, den es liest, oder vielleicht schon vorher mit der ersten Erzählung, die ihm vorgelesen oder hochdeutsch erzählt wird, das unvermittelte Verständniß der Schriftsprache. Von diesem Augenblicke eröffnen sich für sein Denken Gegenstände, die ihrer Natur nach hochdeutsch sind und bleiben, Gedanken, die nicht im Dialect gedacht und in das Hoch-

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